LÖ TOUR DU CANADA 2011

… mit dem Fahrrad quer durch Kanada,

Icefields best

oder: Entdecke die Moeglichkeiten – Yes I CANada!

- VORSPANN -

Nachdem ich mich nun odyseegleich durch die Gaenge und Toiletten der Vancouver Public Library gekaempft habe, d.h. mit meinem XXL – Kanusack bewaffnet, saemtliche Geisterfahrer umkurvt , letztendlich eine weder besetzte noch uebergelaufene Toilette im dritten Stock ausfindig gemacht und mein Fahrrad in Sichtweite auf der anderen Seite der Fensterscheibe geparkt habe, stehe ich nun hier. Sitzplaetze gab es hier in der Vancouver Public Library in Fahrradsichtweite nicht mehr, deshalb heisst es auch noch (dahinter)stehen. Nach einer All-Inclusive-Nacht in den Sandduenen des Vancouver Kitsilano Beach ist das ja mehr als rueckenschonend. Und nachdem ich doch mehrmals vor Vancouvers Downtowndieben gewarnt wurde, lasse ich mein Rad nicht mehr aus den Augen und baue nachts, indem ich das Multifunktions -Kletterseil durch alle moeglichen Oeffnungen meiner Radtaschen und Reifen ziehe sowie das Ende am Arm festbinde, ziemlich ausgefuchste Sicherheitssysteme. Viel ist passiert in diesen Tagen: Ich brauche kilometerfressenden Globetrottern wohl kaum zu erzaehlen, dass es mir bis dato bereits weit laenger vorkommt als es der in diesen Tagen arbeitslose Kalender tatsaechlich anzeigt!

06/28/2011

- Tag 1 -

Tag 1, Waldsee, Freiburg im Breisgau. Nein, nicht dieser Tag 1! Entgegen dem wohlbekannten Sehen und Gesehen-Werden von Freiburgs Hildastrassen – Stylern, sollte es hier und heute ein Tag des Unbekannten und des Neuen sein. Als Abenteuerfilm und Roadmovie angepriesen, war besagter Tag 1 doch eher ein Melting Pot aus Horrorfilm und Tragikomoedie. Wenngleich Genie und Wahnsinn nahe beieinanderliegen sollen, das Genie hatte an meinem ersten Reisetag Urlaub und war weit weg. Ein bisschen kam ich mir vor wie in meiner eigenen Sneak Preview: Hingehen und gucken was so (mit mir) passiert.

Drehort: Flughafen, Frankfurt am Main.

Frueh genug und noch ohne Kaffee war ich nach einer aufregenden, aufgeregten und wenig beschlafenen Nacht vor Ort, um dann doch noch als guter Vorletzter im Zielsprint das Gate zu passieren. Sicher haette ich mir die Oekonomie meiner Laufwege in Bobfahrermanier weit frueher zurechtlegen koennen, gegen die Tatsache dass die zig Infoschalter alles tun um ja keinen Konsens in ihrer Beratung zu erzielen, ist aber letzendlich ‚kein Kraut gewachsen‘. Wirksame Entspannungsmaßnahmen waren in diesen Stunden unerreichbar. Es muss schon komisch ausgesehen haben, einen zu dieser Zeit schon gestressten Typen durch den Flughafen sprinten zu sehen, der versucht mit einem ueberdimensionalen 3×1,50 m Karton (Radhuelle) und drei stolzen Fahrradtaschen sowie einem dazu nicht passenden, d.h. einem zu kleinen, Fuhrwerk eine Rolltreppe nach der anderen zu ueberlisten.

Letztenendes hat alles gut funktioniert und in Montreal ging bereits alles wie von selbst. Aus dem Flug -Greenhron wurde beim Zwischenstop ein alter Hase, der sein Wissen an Dritte abgeben konnte. Ueberrascht haben mich allerdings diese Ruhe und die Gelassenheit der anderen Insassen der Air Canada, unserem fliegenden Großraumfrachtschiff. Mit einer dekadenten Selbstverstaendlichkeit wird hier aller Luxus für normal erklaert. Waehrend ich, als bekennendes Greenhorn, noch damit beschaeftigt war meinen Platz zu suchen und mir Gedanken zu machen wie krass das (Abheben) gleich wird, hatte meine Banknachbarin bereits ihren Mini-Fernseher-Radio-Alleskoenner-Bildschirm hochgefahren und war fuer den restlichen Flug kaum noch ansprechbar. Und waehrend ich mir Gedanken darueber machte ob Essen und Trinken sowohl gestattet, als auch „for free“ sind , hatte sie bereits viermal bestellt und das Jet war um zwei Reisragous und ein Wasser schwerer. Bis auf das nichtvorhandene Gespraech war es dann doch ein alles in allem angenehmer Flug. Zu guter Letzt war ich bei der Landung in Vancouver weit und breit der einzige Passagier, der dem Piloten und uns mit einem Studentenklopferl zur geglueckten Landung gratulierte. Keine Ahnung, jede Menge Actionfilme haben mir erklärt dass das so zum guten Ton gehört. Waehrend die anderen Vielflieger das alle fuer selbstverstaendlich halten, war ich echt erleichtert und freute mich, dass dem Absturz VOR dem Abflug nicht einer WAEHRENDdessen folgte. An dieser Stelle, rückblickend, noch einmal VIELEN DANK an ALLE Freunde die zum Abschied in Heidelberg anwesend waren – mit abgestuerzt sind, geholfen oder beides getan haben!

In Montreal habe ich fuenf Stunden Aufenthalt, besorge mir sowohl das erste der insgesamt nur zwei Moleskines, als auch den einzigen Burger in diesen drei Monaten und treffe eine kleine Abordnung der Deutschen Mountain-Bike-Nationalmannschaft. Sie sind fuer zwei Rennen nach Toronto und New York angereist und ihre etwas professionelle (und teurere) Radverkleidungen machen mich neidisch. Zum Abschied wuenschen wir uns fuer unsere jeweiligen Vorhaben viel Glueck und „gute Beine“. Angekommen in Vancouver, 23.30 Uhr, strampel ich die allerersten Kilometerchen airportwestwaerts auf der Granville. Gleich am ersten Tag merke ich, dass die Verniedlichungsform „chen“ in Canada keine Anwendung findet. Es gibt hier keine Kilometerchen! Obwohl ich nur 1h kurbel, kommt es mir vor, als ob ich 50 Kilometer ergauf gefahren bin. Das wenig intensive Training bis dato macht sich also schon auf der oeden Endlosgeraden Richtung V-Downtown richtig bemerkar. Punkt Mitternacht habe ich Glück, dass mich noch jemand auf nimmt: mit mueden Beinen und auch sonst muede, quartiere ich mich im Central HI-Hostel ein.

06/29/2011

- Tag 2 -

Wie geil ist das denn? Nachdem ich nachts einigermassen gekonnt versucht habe die anderen Mitbewohner/innen der Zelle nicht aufzuwecken, wartet am naechsten ein Fruestuecksbuffet wie ich es die naechsten Tage nicht wieder sehen werde. King dieser heissen Schlacht um das kalte BUFFet ist selbstverstaendlich der frisch gepresste, regenerative, nie zur Neige gehende Orangensaft! Noch etwas fremd in der Stadt suche ich nach paar Stunden den Erstkontakt zum kanadischen Friseurmeister. Ganz im Sinne der Aerodynamik! Nachdem er sagte ich duerfe mein Rad bei ihm drinnen parken, wusste ich, dass er mir wohlgesonnen ist und mich nicht etwa als Irokesen entlaesst. Im Gegenteil, er zaehlte mir neben der kompletten Mannschaft der Vancouver Canucks (NHL) deutsche Staedte auf und wusste zum Abschied noch ein superbilliges (und entsprechend moebliertes) American Backpacker Hopstel – direkt gegenueber des Friseurladens. 10 $ fuer ein Zimmer ist mehr als gut, weil ich mein Rad nicht alleine lassen wollte, zahle ich 25 $ und hab ein eigenes Zimmer. Allerdings auch eine Tuer, die trotz Schluessel machmal auf geht und manchmal eben nicht. Ziemlich ungeschickt, wenn man nachts vor hat aufs Klo zu gehen! Nach dem Check-In gucke ich mir einen kleinen Teil von Downtown an … (denn auch nach nun einer Woche hier habe ich noch nicht alles von Vancouver gesehen) und treffe am Hot-Dog-Stand einen Deutschen, der mich aufgrund der Ortliebradtaschen anspricht. Er ist bereits zum dritten Mal mit seinem Motorrad unterwegs, hat allerdings Probleme mit den Einreisebestimmungen fuer das ,eiserne Pferd‘. Zwei kurze Anekdoten von ihm, einem Bielfelder aber in meinem Kopf als Hamburger gespeichert, die er mir mit auf den Weg gibt: 1)Pack das Essen immer in dieselbe Tasche und vermische das Essen nicht mit der Kleidung/Zelt und Aehnlichem. 2) Wenn du kotzen musst, nie vor das Zelt. Ein Freund von ihm … und blickte dann in die tiefschwarzen und gleichermassen erschrockenen Augen eines Grizzly’s. Nach zwei Stunden verflogener Zeit gesteht er mir, dass er einen starken Redefluss hat und verabschiedet sich mit „Yo, dann mach’s ma jut – mein Jung“. Hamburger eben. Ich knipse zwei Fotos, gehe ins hostel und schlafe durch.

06/30/2011

- Tag 3 -

Ich bin ob des vielen Schlafs frueh wach und weit frueher dran als die missgelaunte Check-In-Check-Aus-Dame, die erst ab 11 kann! Ich vertreibe mir die Zeit mit fruehstuecken und lesen. Danach geht’s mit (voll)gepacktem Rad zum Broadway, der bergigen Einkaufsmeile und besseren Altrernative zur teuren Downtown. Als das Gedlabheben beim dritten Mal nicht funktioniert, sinkt das Stimmungsbarometer und sollte erst wieder steigen, als ich beinahe einen aelteren Mann mit meinem quergeschnallten Kanupacksack erwische. Wir muessen beide lachen und kommen so ins Gespraech. Und wenn ich in diesen kurzen Tagen schon was gelernt habe, dann dass nach etwas Unerfreulichem immer etwas Erfreuliches kommt. Der langhaarige und grauhaarige siebzigjaehrige Mann mit Fahrradhelm heisst Bob Pierre Yang und ist – und ich freue mich in diesem Moment tierisch – ein Native American. Sein indianischer Name ist „Standing Eagle“, seine Frau heisst mit indianischem Namen“Running Bear“. Wir reden viel ueber uns beide, seine Kultur und komischerweise die haelfte der Zeit ueber Essen. Er gibt Restaurant-Tipps fuer billig aber gutes Thai-Essen und verraet die beste Art der Lachszubereitung (und was gar nicht geht: Sushi!). Als ich ihn frage wo ich heute mein Zelt aufbauen kann, kontert er mit einem lustigen „Oh boooy“ und die Frage war erstmal egal, weil ich mir vor Lachen fast in die Radlerhose machte. Er bot sein eigenes Haus an, als er mir aber erzaehlte, dass es sehr klein ist und er als Native nochmal weniger Rente und gesundheitliche Versorgung bekommt, lehne ich dankend ab und baue mein Tipi stattdessen in einem etwas entfernten Park auf. Und trotzdessen gibt Bob noch Tennisstunden umsonst. Irgendwann schauen wir auf die Uhr und merken, dass seine Frau schon 1h auf ihn wartet und meine Geschaefte gleich schliessen. Zum Abschied gibt er mir seine Telefonnummer, er attestiert mir ein gutes Karma und ich bin in diesem Moment der gluecklichste Mensch der Welt. Zumal ich gemerkt habe, dass das ansonst so leicht ueber die Lippen rollende „Oh, you‘re welcome“ bei ihm wirklich ernst gemeint war!

Ich strampel den Berg hoch und bin auf einnmal in einer kleinstadtaehnlichen Gegend, ich wuerde sagen: Freiburg-Herdernstyle. Irgendwo ist ein guter Park in dem ich waehrend dem Kochen und Zeltaufbauen noch einigen Skatern zugucken kann.

1/07/2011

- Tag 4 -

It’s Canada-Day! Als ich nach dem ersten Kaffee vor der Tuer des Camerareperaturladens in der 8th Avenue stehe, merke ich dass heute etwas besonderes ist. Der Laden ist zu, man erzaehlt mir, es ist Feiertag. Achso, deswegen wirbeln an diesem Tag ueberall Ahornblaetter durch die Gegend. Wirklich jeder hat irgend ein Kleidungsstueck mit einem Ahornblatt an (die Ultras haben nichts anderes an), ein Meer aus Rot-Weiss. Ueber die Lautsprecher der Festgemeinde schreit eine Sopranstimme alle zwei Minuten „happy Canada-Day“. Ich lese in der Zeitung nach Vernstaltungstipps und fahre zu einem entferntern Park. Als ich ankomme muss ich feststellen dass ich fuer die Huepfburg leider etwas zu gross und zu schwer bin. Ein ganzer Park voll von rot-weissen Kinder! Ich beobachte die Leute und male mir ein Bild vom typischen Canadier, le Canadien, wie ich sagen will.

Anschliessend fahre ich (zumindest gedanklich) mit Pascal Marcier im Nachtzug nach Lissabon. Zum Lesen gibt‘ s Kaffee und Popcorn 4 Free – und das auch in dieser Reihenfolge. Ich denke nicht lange ueber diese Kombination nach – weil Mercier etwas besseres weiss: Es ist die federleichte Freiheit und die bleischwere Ungewisstheit, die uns umtreibt. Das wird mir die naechste Tage noch im Kopf bleiben. Am abend fahre ich Downtown zu einer anderen Veranstaltung. Am Canada Place angekommen, steht inmitten der Ahornblaetter ein Typ der kein Ahornblatt an hat. Er wirkt etwas wie ein Fremdkoerper und muss nicht mal zugeben, dass ihn unerlaubte Hilfsmittel in diese Beobachterrolle degradiert haben. Ein Blick in seine Pupillen genügen einem unerschrockenen Sherlock! Sein Name ist Joel, ein belgischangehauchter Canadier der in Chicago Filmgeschichte und Rock studiert hat und jetzt seit Jahren mehr oder weniger in den Parks der Umgebung wohnt. Ein anderer Mensch, ein weitreisender Richter, gesellt sich aufgrund meiner Radtaschen zu uns und es wird ein gutes z.t. lustiges Gespraech ueber alles Moegliche. Er zueckt kurzerhand seine Mundharmonika und stimmt auf meine Anfrage „Oh Canada“ an. Das singen sie an diesem Tag alle. Um Punkt 11 pm startet das Feuerwerk und wir stehen mittendrin. Zeit für ein kitschiges Foto … Die neue Camera – ja, die neue Camera, sie geht nicht (mehr)!!! Trotz dass sie mir nicht runtergefallen ist, stimmt irgendetwas mit dem Spiegel nicht mehr. Eine Reperatur wuerde nach mehrfacher Beratung zu viel kosten und so muss ich das Blitzen den anderen und viel groesseren Objektiven ueberlassen. In diesem Moment und vor dieser Traumkulisse …

[Foto: links ein Riesengebaeude im Sydney-Opernstil, geradeaus ueber die Reling der Meerblick, dahinter die Skyline und die Rocky Mountains, neben mir Joel, inmitten das Feuerwerk] …

… war das gar nicht so dramatisch, in allen anderen Momenten allerdings schon. Im Moment suche ich nach Improvisationen, allen Cameraexpertern der Stadt tat ich einfach nur leid. Implosionsgefahr! Nach dem Feuerwerk latsche ich mit Joel durch die Stadt, wir suchen einen Liquer Store. Das Glaeschen Rotwein oder die Flasche Bier zum netten Feuerwerk ist hier unmöglich und so war es, glaube ich, das erste komplett nuechterne Feuerwerk, das ich gesehen habe. Nachdem die suche spaetnachts erfolglos war, laufen wir zum Sunset Beach und suchen uns einen der schoensten Schlafplaetze Vancouvers (s.o.). Nachdem ich mein Sicherheitssystem parksicher gemacht habe, erklaert er mir die Welt der „homeless people“ und ich bringe ihm die italienische Sprache wieder in Erinnerung. Wir sinnieren ueber die Hassliebe zu Coldplay und auch er als harter Rocker mit Nickelbackmaehne gibt zu, dass die zu gewisser Zeit richtig sind. Im gleichen Moment zieht er sein Handy und wir lassen uns von Coldplays „Green Eyes“ in den Schlaf segeln.

2/7/2011

- Tag 5 -

Am naechsten Morgen mache ich ausnahmsweise aber sehr sehr gerne mal Kaffee fuer zwei. Die Sonne scheint bombastisch, der Tag sagt dem an diesem Tag stattfindenen Vancouver Jazz Festival so was von guten Morgen.

Nach erneuten Misserfolgen an den Banken dieser Stadt muss ich feststellen dass ich, da Wochenende ist, auch die naechsten zwei Tage nur 6 $ in der Tasche habe. Essen hab ich noch, Parks gibts genug, das Jazz Festival – und bevor das mit Camera und Geld nicht geregelt ist keine Chance zur ersten Fahrradetappe aufzubrechen. Ich verbringe den Tag mit Lesen und Jazzbands, die vor der Skyline und den Rockies die Buehne bespielen. Am Rand sitzen zwei leicht zu erkennende Native Americans. Der grauhaarige Mann hat nicht einen Zahn im Mund aber lacht uebers ganze Gesicht als er merkt dass ich ihn seit 20 Minuten ununterbrochen anschaue. In diesem Moment gabs wieder einen kraeftigen Stoss in die Weichteile weil ich zu gerne ein Foto gemacht haette. Ich denke viel ueber die zwei nach und krass, fast kommen dabei Traenen. Ich erinnere mich unterdessen an das was mir Bob erzaehlt hatte. Im Gegensatz zu meinen ganz urromantischen Gedanken ueber die Indianer wird es hier in einem Bild zusammengefasst: Statt dass seine Frau Bueffelleder gerbt oder beide arbeiten, muessen beide froh sein wenn sie ihm von der grossen Fastfoodkette noch etwas essbares mitbringt. Ein trauriger Gedanke und doch ergeben die beiden ein Bild, das ich gerne abspeichere.

Am Abend fahre ich dan im Nieselregen schnell den Berg hoch um dann in 5 Minuten mein Zelt im bekannten Park aufzubauen.
Ein Hund kommt bedrohlich nahe, wird aber, bevor er mir die Salami klaut ,vom Besitzer zurueckgepfiffen.

2/7/2011

- Tag 6 -

Kaffe und los geht’s auf einer anderen Route Richtung Downtown und Tag 2 des Jazz Festivals. Zum Glueck wähle ich eine andere Route, weil so endtecke ich den Kitsilano Beach – einen langen Sandstrand zur linken Vancouvers. Nachdem ich mein Rad sicher angeschlossen habe und die Hose abgezippt habe (geile Erfindung!), laufe ich mit Musik im Ohr die 150 Meter ueber Muschelschlamm bis der Pazifik mich umspuelt. Ein Tag am Meer – was will man mehr. Als es dann noch Cola zero und einen Energydrink 4 free und auf Donation gibt, bin ich Fan dieses Tages. Insgeheim wuensche ich mir, dass es dieses Entgegenkommen auch an den künftigen Anstiegen meiner Radtour geben wird.

Ich laufe die restlichen Kilometer zur Jazzbuehne und komme genau richtig zu einer wirklich guten Band. Auch ohne Geld und einem damit verbundenen Luxusbier laesst es sich hier bei sonnigen 30 Grad gut aushalten. Hierzu passend, entdecke ich in der Menge den alten Native vom Vortag wieder und es tut irgendwie gut, als er mich wiedererkennend anlaechelt. Wenn der Typ lacht, muss man einfach mitlachen. Punkt Mitternacht radle ich zurueck zum Kitsilano Beach und lege mich – heute wieder ohne Zelt – in die Sandduenen. Mit „Little Heart“ von Hundreds liege ich im Schlafsack und hab den besten Meerblick den es hier gibt. In diesem Moment gibt es nichts besseres – gut, ausser hier vielleicht mit der Richtigen zu zweit zu liegen.

3/7/2011

- Tag 7 -

Ich wache frueh auf, sehr frueh. Ein Oben-Ohne-Jogger aus Down Under springt mich beinahe an bzw. laeuft mich ueber den Haufen und wir kommen kurz ins Gespraech. Waehrend ich meinen neuen Schlafsack zum Trocknen in die schon brezelnde Sonne lege und Kaffee koche, wuergt er mich ab und meint wieder weiter seinem Work-Out nachgehen zu muessen. Noch halb verschlafen kombiniere ich, dass der Typ um halb sieben seine Arbeit schon hinter sich hat … Ich gehe es gemaessigter an. Heute ist Montag, das Weekend ist vorbei, d.h. die Chancen stehen gut dass es nun nach finanziell doch eher zaehen Tagen Erfolgsmeldungen am Bankschalter gibt. Tatsaechlich, nach der Ebbe die Flut. Ich gehe einkaufen: Neben dem besten und leichtesten Kocher der Welt, Mueckenspray mit 30% DEET- Anteil, einen Brustbeutel fuer zig Karten die man mir mittlerweile angedreht hat (Puplic library etc.), nach einigen Infogespraechen Bearspray, ein neues Messer weil man mir meine zwei schon in Frankfurt abgenommen hat und eine Trillerpfeife. Ausserdem kaufe ich essen – ueberweigend Tuetenkram – sodass es ja nicht zu gut riecht. Das kanadische Brot … ist vorallem eines: packmassfreundlich! Du kannst es megaklein zusammenfalten, es kommt riesengross wieder raus. Der nichtvorhandene Schwabe in mir bekommt an der Kasse trotzdem Schnappatmung.

Anschliessend radle ich in den mir mittlerweile bestens bekannten Park, der einen tollen Blick auf Van-City und Bergmassive garantiert. Nachdem ich gekocht, geschlafen und (den Einkaufspreis) verdaut habe, will ich gerade gehen, als mir eine Stimme aus dem Off „hey, the German“ in die Ohrmuschel drischt. Ich drehe mich um und erkenne – zu meiner grossen Freude – Joel. Er sitzt mit seiner vierkoepfigen Band, d.h. er und vier seiner „homeless-dudes“ (wie er sie nennt) im Schatten. Larry hat tatsaechlich eine Gitarre dabei und kann trotz dass er die Augen kaum aufkriegt und deiner Wurstfinger ganz gut darauf spielen. Nach einer Stunde Country -Music und von mir und Joel organisiertem Nachschub, wechselt die Gitarre den Barden und Joel beginnt Bob Dylan und Johnny Cash zu spielen. Als er dann dazu mundharmoniert und ‚Like a rolling Stone‘ in die untergehende Sonne blaest, ist das mehr als nur ein Lied: „… to be without a home, like a rolling stone“, nichts beschreibt diese Tage besser! Zu guter Letzt liegt am nächsten Morgen, als er bereits auf Arbeit ist, sein Handy neben meinem Kopf. Nachts zuvor meinte er, dass ich für die Tage in den Rockies ein Emergency-Handy brauche … der Grizzly’s wegen. Jetzt liegt das Handy eines Homeless neben mir, einfach so, geschenkt. Ein toller Kerl!

4/7/2011

- Tag 8 -

Ich klaere nach dem Aufwachen die letzten Dinge, bringe meine Nikon-D40 zur Post und schicke sie schlechten Gewissens und etwas traurig zurueck nach Deutschland. Bei fido lasse ich mir einen Telefonvertrag raus und kaufe mir bei London Drugs einen neue handlichere und deutlich leichterer Digitalcamera von Lumix. Kein schlechtes Teil – trotzdem stehe ich, vom Preis betroeppelt, etwas angeschlagen vor dem Laden. Ein etwas hektischer Typ spricht mich an und ich ueberlege als er weg ist ob ich ihn richtig verstanden habe. Nach 5 Minuten ist sein einkauf erledigt, er gibt mir seine adresse und meint dass ich heute Nacht bei ihm im Garten uebernachten kann. Er heisst Stuart und wohnt mit Familie etwas ausserhalb von Vancouver. Abends komme ich an und frage einen Nachbarn nach besagtem Stuart mit „u“. Ich bekomme ein einziges „Stard“ entgegengehustet und muss mir den Rest erschliessen. Vermutlich habe ich etwas zu britisch gefragt, der Kanadier (le canadier) ist da gerne etwas harter und wilder. Es ist ein schoenes Haus mit tollem Garten und englischem Rasen. Ich baue mein Zelt auf und bin ob des Bikinis auf der Holzterasse zeitweise arbeitsunfaehig. Seine Frau – die ich anfangs fuer die Tochter halte ! – braet sich unverschämt in der Abendsonne.

Stuart und ich unterhalten uns ueber meine weitere Route etc., er erzaehlt mir von seinen Rad-und Tandemtouren durch Frankreich uvm. und berichtet von einem krassen belgischen Ehepaar, das ebenfalls bei ihm uebernachtet hat. Sowieso scheint das ein grosses Hobby von ihm zu sein. Die belgischen Eddy-Merx-Fans waren beiden stolze 75 und hatten bereits dreimal die USA sowie einige andere Laender und Kontinente beradelt. Stuart und Familie lassen mir nachts die Tuer zu „meinem“ Bad offen, stellen mir den PC auf die Terrasse und Stuart‘ s Frau macht mir eine Suppe mit. Am naechsten Morgen danke ich mit Bob Dylans Worten“thanks for beeing a home …“ und schenke ihm einen aus einem Radladen abgestaubten Aufkleber „one world, twho wheels“!

PROLOG – 6/7/2011

- Tag 9 -

Nach diesem Luxusheim und einer warmen Dusche am naechsten Morgen ist es endlich so weit. Nach einem kraeftigen Powerfruehstueck packe in grosser Vorfreude zusammen und schraube die Clicks an die Schuhe. Ab heute heisst es umsatteln: Vom Stadtmodus in den Landmodus. Der Prolog ist ein Tag fuer Speed-Rouleure und so schraube ich meine 180 Kilo in Magnus Backstedt-Manier auf den Drahtesel. Gut, etwas uebertrieben: Meine ca. 87 keine Ahnung plus die stolzen 35 kg Gepaeck.

Waehrend Clicks in der Stadt und deren Ampeldichte eher nerven, sind sie ueber Land das erlaubte Dopingmittel des Motors. Der erste Test ging allerdings in die Hose: An der ersten Ampel kuesste ich unfreiwillig die Strasse. Mittlerweile komme ich beim ersten Mal und ohne Hinschauen rein: die Dinger sind einfach unersetzlich. Aus Vancouver raus fahre ich lange lange auf teilweise fuenfspurigen Highways und gebe schnell zu, dass ich hier der mit Abstand schwaechste Verkehrsteilehmer bin. Zum Glueck gibt“s hier, wenn auch keine Radwege, dann doch einen breiten Seitenstreifen fuer alles unmotorisierte. Es wird zunehmend laendlicher, heisser, leiser und ich bin zunehmend der einzige Radler.

Unterwegs halte ich bei Subways und will mir was zu essen bestellen. Ein Abenteuer der anderen Aret, wie ich gleich merken sollte.Verschwitzt und mit zwei angriffslustigen Bananen im Fahrradtrikot betrete ich den Laden wie einen Saloon. Eine bereits genervte Bedienung fraegt mich zigtausende Kombiniervariatnen ab, d.h. Dinge von denen ich keine Ahnung habe und hat es schwer mit mir. Irgendwann sage ich einfach nur noch „yeah“ und habe am Ende ein praechtiges Sandwich zum billigsten Preis. Dass sich der Britney-Spears-Verschnitt neben mir ueber mich lustig gemacht hat („so sweeet“), macht mir gar nichts als ich sehe, dass sie von meinen vom Schweiss angezogenen Moskitoschwarm angegriffen wird. Sie hat so etwas wie ein Huendchen auf dem Arm, eigentlich nichts an und bestellt eine halbe Stunde lang ein einziges Sandwich. Als sie gestochen wird, schreit sie das ganze Abteil zusammen. Ich gehe mit einem Grinsen raus und esse im Fahren. Es geht ueber Land und ich halte weitestgehend einen passablen 21er Schnitt bei teilweise 40 Grad. Kurz vorm Sonnenstich mache ich nach circa 80 km Pause und will was trinken – merke aber schnell dass die Moskitos immer schon auf mich warten. Dagegen hilft nur aufsitzen und weiterfahren umso auch die Kamikazemoskitos, die bei Tempo 30 immer noch an mir kleben, auch noch abzuschuetteln. Es nervt und die Sonne sticht, sodass ueber dem Highway schon einen flimmernden Hitzefilm schwebt. Die angesteurte Infostelle muss mir mitteilen dass es zum naechsten Campground noch 20 km sind. Ich buendel die letzten Koerner und komme nach 110 km endlich an einem kleinen und zu teuren Campground an. Die Dame weist mich ein und gibt sofort eine obligatorische Baereneinweisung. Seit zwei Wochen hat sie hier keine mehr gesehen, ich koennte mir aussuchen ob ich mein Vaudezelt eher hier oder bei den Essgelegenheiten aufbauen will. Ich verstehe ihren komischen Humor nicht ganz (!) und nehme natuerlich das Hier. Das Essen kann ich in ihrem Kuelschrank verstauen, gekocht habe ich an diesem Tag auch besser im Sanitaergebaeude. Die Moskitos sind unertraeglich und gnadenlos. Wer schwitzt, hat verloren! Dass ich aufgrund der Baereninfo und nach 110 km sehr schlechte Karten habe, merkt auch der duemmste Moskito. Nach dem Zeltaufbau habe ich auch fast schon gegessen, so viele habe ich bis dato schon verschluckt. Ich dusche und verschanze mich im Zelt. Dass im Preis Feuerholz inbegriffen ist, ist ein weiterer Witz. Wie soll ich Feuer machen wenn ich nicht aus dem Zelt komme?!

7/7/2011

- Tag 10 -

Die Namen auf der Karte sind gewoehnungsbeduerftig: Bear Lake, Moskito Creek etc. Nach dieser Nacht will ich schnell aufbrechen und versenke zum Abschied ein Moskito im Urinal. Hasta la Vista – wie Raphael zu dieser Zeit bestimmt nicht mehr nachschlagen muss! Weiter auf dem Highway 7 muss ich mich die ersten 20 km gegen etwas Gegenwind wehren. Zum Mittagessen bin ich in Agazzis und koche Ravioli mit Artischockenherzen. Es faengt an zu nieseln und scheint ein eher humorloser Tag zu werden als mich eine Studentin anspricht. Sie studiert in Chilliwack, faehrt ein „Boat“ (krasses auto) und heisst Amelie Schneider. Sie lobt mein Englisch und ich muss lachen. Irgendwie klappt es aber wirklich immer automatischer und besser. Sie gibt mir Adressen von ihren Grosseltern in Saskatchwen, Saskatoon, und wuenscht mir einen gute Reise. Ob der langen und heissen Etappe gestern merke ich heute die Beine. Es ist, als ob Berti Vogts, der Terrier persoenlich in die Waden beisst – ich nehme etwas Tempo raus und rolle mit Musik nach Hope. Dort angekommen will ich mir die beruemten Othello-Tunnels ansehen, weil es aber bergauf geht, denke ich mir dass das eh nur in den Berg gegrabene Loecher sind und flacke mich lieber an den See. Anschliessend gibts ein Bier vom Liquer Store und ich checke nach Infosuche im guenstigsten Campground ein. 15 Bugs die Nacht ist ok, zudem ne warem dusche und ich treffe endlich andere Biker. Die morgige Etappe soll es in sich haben und so lese ich noch eine Weile ‚im Nactzug‘.

8/7/2011

- Tag 11 -

Es regnet leicht und ich ignoriere den Handyalarm um 8 Uhr gekonnt. Nach dem Kaffee und der Routenplanung telefoniere ich mit Zuhause und muss sehr schlechte Neuigkeiten entgegennehmen. Ich will erst gar nicht mehr losfahren und tue es letzendlich doch. Um 11 Uhr starte ich und hoffe dass das zeitlich nicht zu spaet war um noch im Hellen anzukommen. Es geht naemlich von Hope aus die naechsten 65 km nur bergauf und es gibt keine Moeglichkeit einzukaufen oder Wasser zu bekommen. Da ist nichts, nur der Highway, die Trucks, die Campers deren Marken ich mittlerweile alle kenne , die Mountains und Ich. Ich schnalle mir die Bear Bell um die Huefte und schalte mehr oder weniger auf Autopliot. Mit teilweise 5 km/h krieche ich, aber immerhin im selben Rhythmus, die steilsten Rampen zu den zwei der 1300er Paesse auf dieser Strecke hoch. Es ist richtig hart, unterwegs hab ich kein Wasser mehr und bin mitten im Baerenland. Wasser bekomme ich unterwegs von einer netten Camperfamilie gereicht, den Hunger stille ich erst als ich den zweiten 1340 m Pass (Allison Summit) gekillt habe. Am Berg einfach so mein gut riechendes Essen rausholen, das war mir bei den Baerenschildern hier doch etwas zu gefaehrlich.

Es ist hier eben nicht nur die Strecke an sich, sondern es sind auch die Rahmenbedingungen die dir zusetzen koennen. Da ist es gut, wenn sich der Steuermann auf seinen Motor verlassen kann! Ob der Nachrichten aus der Heimat kann ich mich kaum ueber die Passbewaeltigung freuen und rolle die restlichen Kilometer bergab zum ersten Campground des Manning Parks. Soll zwar nicht der beste der Gegend sein, mein Koerper und mein Fahrrad hatten sich zu dieser Zeit allerdings etwas auseinandergelebt. Als es aber nach 65 km bergauf keine Duschen gibt und ich mein Zelt auf Schotter aufbauen soll, fange ich etwas an an diesem ganzen Vorhaben hier zu zweifeln. Weit und breit nur XXL-Wohnmobile, topausgesattetete Canadier – vielleicht ist das hier einfach ein Car-Country und mein Plan nur eine Schnapsidee einer romantischen Canadaillusion! Passend dazu, liegt vor mir auf der Schotterpiste eine kleine zerknuellte Papier-Canadaflagge. Ist das also der geplatzte ‚canadien dream‘ ?

Waehrend ich so implodiere und mir Gedanken mache wo ich mein Essen heute baumsicher mache, spricht mich ein Paerchen von gegenueber an. „How“re you, man?“ – und ich bin so froh dass sie diesen Satz im Gegensatz vieler auch so meinen! Ich erzaehle von meinem Tag und sie laden mich auf Bier und Lagerfeuer zu sich ein. Mein Essen kann ich bei ihnen im Auto verstauen; ihr Hund passt drauf auf. Allmaehlich verstehe ich warum 90% der Canadier hier mindestens einen und bis zu drei Hunden auf diesen Wildcampingplaetzen dabei haben. Sean und Celine kommen aus Vancouver fuer ein gemeinsames Wochenende hierher, er ist Handwerker, sie macht Orgakram fuer Earl’s. Er findet“s geil was die Deutschen immer fuer „crazy“ Aktionen bringen und es faellt superleicht ins Gespraech zu kommen. Wir reden am Lagerfeuer ueber alles Moegliche, trinken Bier mit extra handwaermhalterstoff (!) und Sean sorgt fuer das abendliche Duftaroma um in den gemuetlichen Teil ueber zu gehen. Wir schwanken zwischen Realitaet, in der man auf diesen Plaetzen einfach immer aufpassen muss, und einem Baerenwitz nach dem naechsten. Celine bindet mir einen Baeren auf, Sean hat passend zum Beruf die richtige Lache und ich hab anschliessend Baerenhunger. Ein sehr sehr netter und lustiger Abend mit zwei supersympathischen Leuten zum genau richtigen Zeitpunkt. Dessen nicht genug, laden mich beide zum gemeinsamen Fruestueck ein. In der Nacht wird“s richtig kalt, North Face sei Dank.

9/7/2011

- Tag 12 -

Ich packe schnell zusammen weil bis dato immer noch kein Mensch zu mir kam der mir (obwohl angekuendigt)die Gebuehren abknoepfen will. Ich sollte fuer diese Nacht tatsaechlich nichts bezahlen! Sean begruesst mich mit „Guten Morgen“ und macht auf Tour-de-France-Sean-Marie-Le-Penn. Er kommentiert meinen Gang zu ihrem Fruehstueckstisch und kuendigt die naechste grosse Bergetappe heute an. Vorher gibts allerdings das beste Radlerfruehstueck ever. Celine macht Potatos und richtet mir ein 8cm breits Sandwich to cycle. Unbedingt muss ich auch Seasor’s probieren, als sie meint da ware Vodka drin hab ich nichts dagegen. Tomatensaft, irgendwelche Kraeuter, Vodka und Eiswuerfel – ich befinde mich wieder im Bereich des legalen Dopings. Nach ausgedehntem Brunch geben mir die beiden noch Wasser und Powerade mit – ich kann mich nur tausendmal bedanken und die Wichtigkeit bzw. den Symbolcharakter dieser Begegnung nur erahnen. Sie haben mir den abend gestern gerettet und die bevorstehende Etappe mit dem Fruehstueck und Psychologiefaktor 100 zum bisher schoensten Tag/Gesamtkunstwerk in Overseas gemacht. Als noch haertere Etappe als die gestrige angekuendigt, war diese , von Manning Park bis Princeton, eine Kaffeefahrt. Wo gestern ein Backstedt gekrochen ist, fliegt heute ein Pantani ueber die Berge. Obwohl ich Celine versprochen hatte an den heutigen krassen Anstiegen mit Reggae im Ohr zu fahren, war ich von dem ueberwaeltigenden Anblick links und rechts von mir so gepusht dass ich keinerlei Ablenkung brauchte. Der mit bis dato schoenste Streckenabschnitt in B.C. glaenzte mit einem Wildwasserfluss zur rechten, steilen Abfahrten, einem 1250m Pass und einer Hoehenstrasse die die Schwarzwaldpassage zum Kinderspielzeug degradiert. Wie auch am Abend zuvor, war der Akku meiner neuen Camera leider leer und ich konnte weder von Sean und Celine noch von dieser Strecke Bilder machen.

Laut Tacho bin ich fuer die erneuten 65 km im Hochterrain und Sonne in nie fuer moeglich gehaltenen 3 h in Princeton. Hier gehe ich einkaufen, lasse den Beinen / dem Motor Ruhe bzw. oele ihn mit einem Becks. Mit Stuarts Karte bekomme ich im richtigen Laden sogar vieles zum halben Preis. Zur Belohnung gibts Thunfischnudeln mit All you can eat! Im Infopoint informiere ich mich ueber den besten Campground – und tatsaechlich: er ist es! Von einem Rentnerehepaar betrieben, ist der Rasen hier satt gruen (wo es sonst nirgends gruen ist), die Dusche ist massiv und alles passt irgendwie. Ein superschoener wilder Fluss fliesst direkt vor meinem Zelt vorbei und dient als Becks-Kuehlschrank. Hinter einem Bus in Rot-Weiss sitzt eine vierkoepfige Band und spielt Country. Waehrend die Dame an der Geige circa mein Alter hat, sind Gesang/Gitarre und die Bratsche geschaetzte 70 Jahre alt. Ich koche und lade sowohl den Cameraakku als auch meinen eigenen auf. Mit Console im Ohr, dem Plaetschern vor der Nase und der guten Lauen zwischen den Lippen verabschiede ich mich in die Nacht. Ich sinniere ueber das Leben auf den High-ways. Den Rest erledigt James Blake!

10/7/2011

- Tag 13 -

Nach dem Gesamtkunstwerk gestern gibts den Kaffee erst um 9.30 Uhr. Wie gestern vereinbart, darf ich ab halb zehn (und open end!) an den Zweit-Pc im Infocentre. Die Dame ist supernett und wartete seit um 9.00 Uhr auf mich. Mittlerweile ist 14.20 Uhr, ich hab den Blob uptodate gebracht, noch nichts gegessen und es sieht aufgrund der Uhrzeit eher nach einem Ruhetag aus – Po und Beine werden es danken. Das Leben auf den Highways ist ein Hartes: Der Truck ist wie ein grosser Bruder. Es schuetzt dich irgendwie (gegen ihn ist ein Baer nur ein Teddy), will er dich aber aergern oder kommt dir zu nahe tut es weh! Die meisten Trucks halten Abstand zu mir, die uebelsten ueberholen dicht oder beschleunigen bei Anstiegen extra um mir eins auszuwischen. In diesen Momenten denke ich ganz fest daran, dass ich im Gegensatz zu disen Tierfellsitzern die wahren PS unterm Gesaess habe! Ansonsten sind es wunderbare, kleine Gesten die meinem Motor psychologisches Futter sind: Verwirrte Blicke aus Frontscheiben, unzaehlige Daumen hoch aus vorbeizischenden Autos und … und die Harley-Faust! Ohne sich umzublicken aber in Gewissheit dass ich es sehe, rauschen an einem quaelenden Anstieg mal wieder zwei Harleys vorbei; die eine Rocker-Maehne faehrt den Arm aus und zeigt mir in einem nun 80 Meterabstand die Faust. Mit den Worten von Rolf Aldag damals:“ Quael dich, du Sau!“. Die Harley-Faust, sie bleibt ein Bild fuer die Ewigkeit ohne ein Foto zu haben und der Zucker fuer die kommeneden Rampen.

Der Tag entscheidet sich fuer Regen und ich bleibe, nach laengerem Hin und Her mit mir selbst, das erste Mal eine Nacht am selben Platz. Richtige Entscheidung! Ich checke mein Fahrrad, wasche Waesche und und und. Gegen Abend kommen – endlich – zwei genauso „Verrueckte“ und aehnlich bepackte Radler auf den selben Campground. Dass Claudio und Anina auch noch aus der Schweiz kommen und wie ich bis Jasper wollen bzw. dann weiter Richtung Osten, ist ein Zufall, der willkommen ist. Die beiden haben bereits 7500 km auf ihrem Tacho stehen, aus Nicaragua – SanDiego – Westcoast – Vancouver Island kommend wollen sie wie ich bis Jasper und dann die Ostkueste bis Boston runter, und haben gute Langzeitradlertipps auf Lager. Die naechsten drei Tage sehen wir uns desoefteren, fahren eineinhalb Tage zusammen und teilen uns die unverschaemten Campingpreise der Hochsaison. In diesen Tagen ist die Vaude-Dichte besonders hoch, Outdoormarkenbattle und Fachgesimpel wechseln sich ab wie wir uns selbst im belgischen Kreisel.

11/07/2011

- Tag 14 -

Claudio und Anina haben an diesem Tag dasselbe Ziel wie ich, wollen aber den Highway nehmen. Zudem sind sie etwas frueher wach. Ich bin, alternativ zum Highway, guten Mutes und lege die Routenplanung mehr oder weniger in die Haende von Reinhard Pantke und seinem Tourreport. Dass das nicht nur Mut braucht, sondern auch eine Brise Verruecktheit, sollte ich nach ungefaehr 50 km spueren. Nachdem ich eine neue Gaskatusche besorgt hatte, wollte ich den von Pantke angepriesenen KVR (Kettle Valley Railway) ausfindig machen. Der KVR ist eine alte, canadadurchquerende, lahmgelegte Bahntrasse die nun von „Bikern“ und Walkern genutzt wird/werden soll. Allerdings ist bekanntlich nicht immer alles „Outdoor“, wo Outdorr drauf steht – udn nicht alles ist fuer Biker, auch wenn biker drauf steht. In diesem Fall koennen sich die Kanadier bei den Franzosen schlau machen. Der KVR waere in Deutschland vermutlich nur noch eine verhaexelte Probestrecke fuer Panzertests – nichts weiter. Waehrend ich schon auf den ersten Kilometern auf den paralellen Highway40 auswich und hier eine superschoene, nur von Holztrucks befahrenene Strecke vorfand, war der Weg ab Kilometer 50 ein Barfusspfad fuer Raeder. Nach einer ersten Bergwertung fuehrte es mich auf einer einsamen Hoehenstrasse an Adlern, Rehen und Erdhoernchen vorbei bis der Strassenbelag tatsaechlich zur Downhillstrecke wurde. Kurzerhand schaltete ich vom Strassen- in den Downhillmodus: Federgabel Ein! Die Federgabel sollte mich, den Rahmen und mein Gepaeck, die naechsten zwei Tage vor Schlimmerem retten (Gutes Fahrrad!!!). Von einer sehr schoenen Schwarzwaldstrecke ging es also in den Downhilldschungel – und hier, wechselten sich nach und nach alle moeglichen Strassenbelaege : Von brauner Erde zu rotem Sandstein, von Kies ueber Schotter zu Sand (!). Das machte am Anfang (bergab) super spass und war am Ende Knochenarbeit. Als der KVR (der sich u.a. dadurch auszeichnet, dass er nie mehr als 2,2% Steigung hat) mal wieder nicht zu finden war, war ich schon auf 1000 m – irgendwo ins kanadische Hinterland- geklettert. Hier oben ist niemand, absolut niemand! Zum Glueck keine Panne, ich hatte am Tag zuvor meine Radpumpe verloren. Und so fuhr ich ganz fuer mich ca. 40 sehr lange Kilometer bergab und bergauf – und das, auf den abenteuerlichsten „Strassen“. Mit plus 35 kg durch Sand …?Als das Barometer dann noch 35 C anzeigt und mir der Gegenwind fast die Zaehne aus dem Gebiss fegt, muss ich diesen ****** Strassenbelag, den ******* KVR und einfach alles mal kurz verfluchen. Ausser zwei Erdmaennchen reagierte niemand! Nach 40 km faehrt mich beinahe ein Mountainbiker ueber den Haufen. Er heisst Paul, ist 60, sieht aus wie Papa und hat die Downhill-Vollmontur an. Nachdem er mir dreimal mitgeteilt hat dass er mein Vater sein keonnte, fahren die naechsten 20 km zusammen den KVR. Geht doch! Nach einem krassen sturz vor einem Jahr und 3 Wochen Koma im Anschluss macht Paul nun etwas langsamer – „girlslike“ wie er es nennt! Allerdings ist sein „girlslike“ immer noch Marke lebensgefaeherlich. Kurzum: Er geht ab wie Schnitzel, und ich hab echt Muehe dran zu bleiben. Er erzaehlt mir dass Princeton (Zielort) nicht nur Weinanbaugebiet, sondern auch die Triahtlonregion Canadas ist und so einiges mehr. Den Weg den er nimmt, haette ich alleine nie gefunden. Anschliessend gehen wir einkaufen und er zeigt mir einen superschoenen Platz zum Mittagessen. Direkt am See, es geht vom Downhilldschungel ohne ueber Los zu gehen direkt nach Italien. Ich mache Picknick, bin froh dass ich ueberlebt habe und verdaue die letzten Kilometer.

Am Abend muss ich nur noch 20 km nach Penticton. Die haben es dank Gegenwind aber leider in sich. Gemeinsam mit Martin Jondo und den Reggae-Off-Beats kaempfe ich (immer auf die 1 und die 3/ dem Krausetobi sei Dank) dagegen an und bin vor Ort auf einmal sehr muede. Es ist mittlerweile 20. 30 abends und der Campingplatz kostet unverschaemte 40 $! Das Hostel macht’s fuer 30 und denkt es sei guenstig. Auf den Schreck hole ich mir erstmal ein Bier und treffe zwei Strassenmusiker aus Quebec. Er spielt Akkordeon, sie will demnaechst irgendwas-mit-Saiten spielen, weiss aber noch nicht genau was. Leider wissen auch sie nicht wo man hier gut uebernachten kann und so mach ich mich alleine auf die Suche. Natuerlich faengt es an zu regnen und ich muss meine Suche etwas beschleunigen. Aus der Stadt raus, Berg hoch, bin ich irgendwann in einer Art Villenviertel. Generell macht Princeton – nicht nur preislich – auf Little Florida. Weil es keinen anderen Platz gibt, baue ich mein Zelt unter einer befahrenen Bruecke auf und muss kurz darauf schon feststellen dass es sich bei dieser wohl nicht um eine wenig befahrenen Villenbruecke, sondern eher um eine Doerferverbindungsbruecke handelt. Das Geraeusch der Trucks die im 5-Minutentakt ueber meine Bruecke rollen singen mich – wenigstens in einem gleichmaessigen Rhythmus – in die Nacht. Es war schrecklich. Der Schwabe hat sich in dieser Nacht selbst gebissen!

12/07/2011

- Tag 15 -

Penticton: 6.15 Uhr. So wie ich eingeschlafen bin, wache ich auch auf. Sanft weckt mich ein ueber die Bruecke wackelnder Monstertruck. Ohne alles gehts nach einem Turboabbau so schnell wie moeglich hier weg und runter an den Strand des Okanagan Lake. Als einer der ersten bin ich da und trinke bei aufgehender Sonne meinen Kaffee.

Bevor es wieder auf den nerven- und kniescheibenaufreibenden KVR und Richtung Myra Canyon geht, muss (bei diesem ***** belag) definitiv eine neue Pumpe her. Es beginnt leicht zu nieseln und ich entschliesse mich – aus Protest! gegen diese teure und so gar nicht schoene Stadt – einfach trotzdem los zu fahren. Nachdem ich mich auf der suche nach dem KVR verfahren habe, frage ich und bekomme den noetigen Insidertip. die ersten 20 „k“ gehen gut, es wird zunehmend waermer. Ganz langsam und fast unbemerkt steigen die Hoehenmeter an und das wird sich die naechsten 40 km nicht mehr aendern. Der Belag wird leider zunehmend schlechter und langsam verstehe ich die verwirrten Blicke der mir entgegenkommenden Mountain-Biker! Die
haben alle doppelt so dicke Reifen wie ich, kein Gepaeck und fahren immer in die Gegenrichtung. Das Thermometer steigt auf 35 Grad an, das Wasser wird knapper und nirgendwo verschwinden Kilometer auf deinem Tacho so langsam wie auf dieser Strecke. Der Aufstieg zum Chute Lake und dem gleichnamigen Cmapground ist Sissiphosarbeit und sehr muehsam. Doch wer den Myra-Canyon sehen will muss da hoch – es gibt keinen anderen Weg von Penticton aus. Zum Glueck hab ich mir fuer diese Etappe (weil bei Pantke gelesen!) extra viel Wasser mitgenomme, doch auch das wird gegen Nachmittag knapp. Mitten im Wald taucht eine Wasserstation auf: die Triathlon-Stadt sponsert allen Radlern zig kleine und feine Waserflaschen zum trinken oder Widerauffuellen und wird in dieser Sekunde wieder etwas symphatischer. Ich trinke und trinke und trinke und hab Motivation fuer due restlichen 16 km bergauf. Am Chute Lake angekommen nehem ich den guenstigsten Platz und baue – nach einer wundervollen warmen unentgeltlichen Dusche im Moskitosturm mein Zelt auf. Die Betreiberin ist eine ausgewanderte Deutsche aus Trier, trotzdem ist das kalte bier hier oben etwas zu teuer. Kurz nach mir kommen Claudio und Anina an und sind von der Strecke genauso gezeichnet wie ich. Da ihnen der KVR zu arg war, haben sie die steilere strasse genommen und muessen sich erstmal im See abkuehlen. Ich mache das erste Lagerfeuer startklar, wir essen, wir reden und schlafen in dieser Nacht besonders gut. wie jede Nacht muss ich auch in dieser Nacht einmal kurz aus dem Schlafsack in die kalte kanadische Nacht raus und tue das hier oben nicht ohne ein mulmiges Gefuehl. Was ich fuer ein moegliches Baerengeraeusch halte, ist die riesige Moskitoverbrennanlage am Haus, die die ganze Nacht „durchbrennt“.

13/07/2011

- Tag 16 -

Beim gemeinsamen Fruehsteuck werden die Radlercerealien ausgetauscht. Waehrend es drueben Porrige gibt, gibts bei mir nur duerftige Riegel, Peanutbutter und Kaffee. Bis zu diesem Tag! Seitdem – und ich hoffe dich mit eurer Erlaubnis – hab ich das Rezept uebernommen und mache es bis heute jeden Tag. Die Geheimwaffe heisst: Zimt! Und es hilft! Im O-Ton des Seitenbachergurus wuerde das heissen: woisch, s`geit oifach bower fuer de` ganse dag! Recht hat der Mann, nach einem guten Porrige hat der Radler erst wieder am Nachmittag Hunger.

Zu dritt haben wir an diesem Tag dasselbe Ziel: Myra Canyon, ein Canyon dessen Trail der auf 10 km ueber 18 spektakulaere Brueken fuehrt. Die Frage, wie man zu Wild-West-Zeiten auf die Idee kommt in diesem Gelaende 18 Bruecken zu bauen muss an dieser Stelle erlaubt sein und beschaeftigt uns. Ueberhaupt ist das zu dritt radeln eine sehr willkommene Abwechslung: Neben dem Gejammer ueber die Strassenverhaeltnisse, teilen wir auch Gespraeche, Positionen und Moskitos. Im Myra-Canyon treffen wir eine deutsche All-Inclusive-Radlertruppe die samt Koch und Besenwagen anreisen. Der Hilfstourguide macht hier work & Travel und hat wohl den besten Job den es gibt: Kanutouren auf dem Yukon und Radtouren auf dem Icefields begleiten! Nachdem die Bruecken bei einem Waldbrand vor 9 Jahren alle abgebrannt sind, sind sie wirklich beeindruckend und unter Mithilfe von Volunteers renoviert worden. Wir schiessen einige fotos und nehmen die steile Abfahrt Richtung Kelowna. Hier machen wir Mittag und checken fuer wifi und Kaeffchen im Starbucks ein. Als ich an der Kasse stehe, bricht eine halbe Welt zusammen: Da steht sie und schaut mich mit traurigen Augen an – die neue Bon-Iver-CD. Noch ungehoert bis zu diesem Zeitpunkt muss ich mit ansehen wie unser (CAro!) Bon (Iver) ganz unromantisch und ganz wenig einzigartig im selben Laden zu kaufen ist wie waessriger Kaffee! Am liebsten haette ich die beiden sichtbar leidenden Exemplare gekauft und frei wieder (in einem kleinen Musikliebhaberladen) ausgesetzt.

Claudio und Anina wollen weiter zum naechsten Campground (Fintry, Lake Okanagan), ich will vorher noch kurz beim Hostel anfragen und kaufe noch was ein. die Hosteldame haelt mir einen 10 minuetigen Vortrag wie toll das Hostel ist um mir am Ende in einem Nebensatz mitzuteilen dass heute leider voll ist aber morgen evtl. noch was frei waere. Ich bedanke mich artig, knoepfe mir Martin Jondo in die Ohren, setz mich auf den Bock und fahre – nach zwei Tagen – endlich wieder Highway! Voller Freude ueber das angenehme Rollen unter mir fahre ich mit einem rasanten Schnitt auf einer sehr schoenen, wenig befahrenen Strasse am Lake Okanagan entlang. Auf dem ersten Campground an dem Ich Claudio und Anina vermute, bietet mir eine nette Dame ihren Stellplatz an (obwohl eigentlich voll ist). Da er fuer mich alleine zu teuer ist und ich die beiden nicht erreichen kann, muss ich nach einem langen Tag und bereits 80 km noch 23 zum naechsten Campground anhaengen. An diesem Tag macht das erstaunlicherweise aber absolut gar nichts, im Gegenteil: Ich fliege im 25 km/h -Schnitt an wirklich edlen Villen und Pools vorbei und komme erst zur Ruhe als ich nach dem Weg fragen will. Der Typ im auto sagt mir dass er vor einer halben Stunde zwei Radler aus der Schweiz zum naechsten CG gefahren hat – „die hatten eine Radpanne unterwegs“. Bis zum CG sind es nur noch 2 km und logisch, Claudio und Anina sind nach dem ersten Frust am Kochen. Wir teilen uns den Platz zum dann doch noch fairen Preis, freuen uns ueber die Duschen und Claudio repariert seinen Schaltzug provisorisch.

Den Abend verbinge ich nicht alleine und teile mir die Aussicht auf den Vollmond mit Coldplay und tausenden Moskitos.

14/07/2011

- Tag 17 -

Nach meinem „Husarenritt“ am Vortag muss Rolf Aldag – aehm, muss ich – Tribut zollen (wie es so schoen heisst). Ich lasse mir etwas mehr Zeit als die beiden, will sie aber auf der Strecke dann einholen. Claudio hat nach der Panne nur noch drei verfuegbare Gaenge, nimmt das aber ganz locker: 3-Gaenge-Menue eben! Das mit dem einholen ist gar nicht so einfach und ein Zeichen dafuer dass es mit den drei Gaengen gar nicht so schlecht laufen muss. Ich erwische sie erst beim Mittags-Sit-In bei Arizona-Drink und Pizza. Unterwegs haelt mich ein Typ im Van an und meint gleich da vorne sind zwei kleine Schwarzbaren, ich soll doch nach der Mama ausschau halten. Etwas nervoes habe ich ab hier mein Baerenspray parat und rolle langsam weiter. Die drei waren aber schon nicht mehr vor Ort. Die naechsten Kilometer fahren wir drei noch zusammen, bevor die beiden nach Vernon abbiegen um das Rad zu flicken und ich weiter Richtung Armstrong weiterfahre. Die Stadt heisst wirklich so, hier gibt“s sogar eine Pharmacy: Pharmacy Armstrong. Wenn es hier nicht das beste Zeug zum Radeln gibt, wo dann, frage ich mich?

Bei Nieseregeln gebe ich mir eine Billigsuppe bei Subways und bereue es sofort. Die Cola ist indessen gut und motiviert fuer die naechsten Km bis Enderby. Hier checke ich im CG ein und teile mir den Platz mit ca. 30 Motorbikern. In der Nachbarstadt Salmon Arm ist an diesem Wochenende Bikertreff – 80.000 sind geladen oder kommen einfach trotdem. Alle CG’s sind voll – und die meisten Biker sind es auch. Nachtruhe gilt uebrigens ab einer Anzahl von 10 besoffenen Bikern auch nicht mehr. Beim Ankommen sehe ich in einer kleinen Bar ein Schild „heute Live Concert“ und gehe am abend auf gut glueck und um mal nicht vor neun in den Schlafsack zu kriechen hin. Es spielt an der Gitarre Matthew Hornell aus Quebec – und wie! Only for donation sorgt er fuer genau das was ich an diesem Abend wuensche: Ein superschoenes, familiaeres Konzert! Nach der Pause hole ich Geld um ne Cd mitzunehmen und wir zwei rauchen eine auf der Terasse bzw. kommen ins Gespraech. Den zweiten Teil beginnt er tatsaechlich damit, ueber meine tour zu sprechen („the crazy german“) und mir sogar ein Tibute zu covern: The Outdoor type von Elan Dunb. Ich finds krass, freue mich und er hat definitiv einen Fan mehr. Als ich sage, dass die CD ja leicht genug ist um sie ueber die Rocky Mountains bis nach Deutschland (und die dortigen WG`s) zu schleppen, hab ich die Lacher der nur 30 Leute kurz auf meiner Seite. Ein superschoener Abend, an dem ich gerne 10 $ fuer zwei Bier ausgegebene habe und ausnahmsweise nach 21.00 Uhr ins Zelt bin.

15/07/2011

- Tag 18 -

Am morgen spricht mich der erste Biker sogar persoenlich an. Normalerweise murren sie dich nur an wenn sie dir auf dem Weg zur Dusche begegnen – geschweigedenn auf dem Highway an die vorbeifahren. Er will mich auf Kaffee einladen, allerdings bhin ich gerade mit meinem Fruehstueck fertig und abfahrbereit. Weil ich seit T-shirt so cool finde, dreht er sich um und ich ziehe ab: Old Guys Rule! Ein Foto, das hier fuer die UE-50-Generation steht: Motorrad, Grauer Haaransatz, Lederjacke, und fuer zwei Wochen Urlaub die coolste Sau der Welt! Wenn`s gut laeuft, glaenzt eine lack-und-lederne black Beatuy vom
Ruecksitz. Dass das die coolsten und maennlichsten Alphatiere auf dem Highway sind, muessen alle wissen!

Waehrend sich Radler in diesem Land von Grund auf sympathisch sind und sich allein schon fuer die Idee hier rad zu fahren respektieren und immer lieb gruessen (und im Normalfall immer ins Gespraech kommen), scheinen dem gemeinen Biker auf dem Hoellenrad die Haende am Lenker festgeschweist zu sein. Manch einer hat aber auch an jedem finger einen schweren Totenkopfring undist deshalb grussunfaehig weil er die Hand nicht so schnell heben kann. Bei 160 km/h ist es letzlich auch der Fahrtwind, der diesen Temperaturen die Mimik hinter der Sonnenbrille einfriert und ein radleraufmunterndes Laecheln unmoeglich macht. Biker sind zu cool, ein echter Harleybiker gruesst nur Harleyfahrer (erzaehlt mir Sylvain einige Tage spaeter). Und wenn er Radler ueberholt, dreht er extra die Drehzahl hoch sodass du denkst du befindest dich gerade auf der Landebahn von Frankfurt Hahn. Wenn in diesen Faellen dann zufaelligerweise ein Kieselsteinchen von meinem Vorderrad an seine vorbeipreschende heilige Harley sprizt, kann ich definitiv nichts dafuer. Highwaygesetzbuch, Paragraph 13!

Mhm, jedenfalls war dieser eine da sehr nett und meinte ehrlicherweise dass die Radler ja eigentlich die echten biker seien :)
Nicht zu vergessen die Harley-Faust!

Auf der Strecke habe ich zum ersten Mal muede Beine und muss nach den gemeinsamen Tagen wieder alleine gegen den Gegenwind arbeiten. Das Stimmungsbarometer sinkt entsprechend und bereits nach Sicamous mache ich bei einem Campground, der ein Radlerspecial hat(!) sofort halt und mache 2 h Mittagsschlaf. Als ich aufwache, merke ich dass ich mitten im Chipmunkgebiet liege und ein anderer Radler neben mir angedockt hat. Er heisst Matt, kommt aus Colorado und will, wie ich, bis Lake Louise und dann aber Richtung Mexico weiter. Mit seinem Mosiktokopfnetz sieht er aus wie Kermit und ist auch sonst ein richtig cooler witziger Kerl mit dem ich mich die naechsten 5 Tage zu den Rocky Mountains hochkurve. Matt wurde man vielleicht als Lebenskuenstler beschreiben, da er sein Haus verkauft und 2 Jahre im Buero gelebet hat und nun alles was er braucht am Fahrrad kleben hat. Bis auf eine Jurte, die steht irgendwo in Colorado auf dem Berg. Er war Physiotherapeut und hat – wie er sagt – ausgesorgt: Ich brauche nicht viel! Was die Fachleute der sportlaeden Sueddeutschlands nicht hinbekommen haben, macht Matt in 3 Minuten Verschnaufpause. Mich juckt’s im Knie und er stellt mir die richtige Sitzposition auf dem Sattel ein – danach lasse ich ihn am Berg stehen :)

Am naechsten Tag radeln wir, auf dem vielbefahrenen und beruehmten Highway Nr. 1, gemeinsam nach Revelstoke. Revelstoke trumpht gross auf und nach den ersten Anzeichen sowohl im Glacier als auch im Yoho Nt. Park ist hier die Rocky Mountainsstimmung greifbar nahe. In den beiden Nationalparks haben wir super Wetter und fahren die meiste Zeit mit offenemweil staundendem Mund: Schneebedeckte Gipfel wohin du auch schaust. Es macht richtig spass hier Fahrrad zu fahren, zudem mit einem richtig netten Begleiter. In Revelstoke ist an diesem Tag Schwimmwettbewerb und wir wollen unbemerkt auf deren Campplatz einchecken. Eine ueberengagierte Schwimmmama kaempft dagegenen an, vermittel uns aber einen Alternativplatz bei „Horse“. Matt und Ich verstehen nicht richtig bis sie den Namen wiederholt und eigentlich „Horst“ meinte. Horst ist Deutscher und betreibt den Schwimmer-Campground etwas ausserhalb. Die Schwimmmama zahlt uns den letzten vefuegbaren Platz und wir kaufen Horst dafuer ein gutes Becks. Der Platz hat einen See, in den wir springen, und einen spielplatz – direkt neben unserem Zelt. Matt macht das etwas zu schaffen und er gesteht mir, dass er sich zu seinem 35. Geburtstag selbst beschenkt hat: Er hat sich beschneiden lassen! Ich muss lachen und erzaehle ihm daraufhin meine Geschichte und viel von Tim Elias. Matt ist gewoehnlich Ei, Thunfisch, Bohnen oder Broccoli – ich mache Pasta im Regen!

16/07/2011

- Tag 17 -

Statt einem Ruhetag, den Matt nach 3 Wochen Durchradeln eigentlich gerne machen will, wollen wir von Revelstoke bergauf Richtung Canyon Hot Springs und tun dies dank guter Laune und Sonnenschein auch. Nach 3o km kommen wir in einem Luxushotel an. Jedenfalls sind die Preise hier entsprechend, was vermutlich mit den zwei warmen Planschbecken dort hinten zu tun hat. Die Schmalzlocke hinter der Theke geht bis an die Schmerzgrenze und drüber. Als auf die 35 $ auch noch 7 $ fuer Dusche und 3$ fuer den Trockner etc. dazu kommen, fehlt eigentlich nur noch eine Pauschale fuer das gruene Gras und die Luft die wir zwei innerhalb der nächsten 24 h einatmen könnten. Mit ungutem Gefuehl zahlen wir und koennen uns immerhin den Preis teilen. Nach nur 3 Minuten Bedenkzeit sind wir uns einig wie nie und Matt biegt es mit einer ausgefuxten Geschichte so hin, dass wir das Geld wieder zurueckbekommen. Ohne die finanziellen und moralischen Magenschmerzen geht es uns gleich wieder viel besser auch wenn das bedeutet, dass der heutige Tag nochmal anstrengend wird bis zum nächsten Lagerplatz. Zu allem Überfluss merken wir, dass zwei meiner Speichen im Rückrad gebrochen sind und ich eigentlich einen Radladen ansteuern muesste. Natürlich ist hier keiner, d.h. wir muessten den Weg zurück in die Stadt oder ich trampe allein etc. Weil es – dank Matts Friemel-Kuensten – aber doch ganz gut laeuft, fahren wir gemächlich weiter und nehmen statt mitten im Bären- und Moskitogebiet wildzucampen (Moskitoepizentrum) den naechsten Campground. Dieser liegt in 20 km Entfernung und will bis zur Dunkelheit erreicht sein. Es ist ein Wildcampingplatz Marke ‚rustikal‘, entsprechend wenig besucht, niemand mit Zelt, was mit Sicherheit daran liegt dass wir hier mitten im Bärengebiet sind. Immerhin ist er kostenlos und reicht fuer eine Nacht voellig aus. Ausserdem hab ich mit Matt einen echten Bärenexperten an der Seite, der mich deutlich entspannter damit umgehen laesst. Unser Essen verstecken wir also im baerensicheren Muelleimer. Die typischen „Bearlocker“ gibt es hier nicht und so muessen wir improvisieren. Und wenn Matt sagt, dass wir unsere Zähne heute 100 Meter vom Zelt weg putzen damit das die Bären nicht anlockt, bin ich sofort dabei.

Am Abend steht er etwas verwirrt vor seinem Zelt und brütet. Ich frage ihn was los ist und er meint, er ueberlege schon seit 15 Minuten ob er nun gross oder klein muesse. „It`s a big decision, my brotherman!“ meint er und macht sich auf den Weg. Matt kann einfach verdammt nachdenklich sein!

17/07/2011

- Tag 18 -

Am naechstenMorgen muessen wir ein nasses Zelt einpacken und fahren schnell los. Heute steht der Rogers Pass auf dem Programm! Der Weg dahin fuehrt uns durch den Glacier National Park und bietet etliche Gelegenheiten um Fotos zu knipsen. Der Rogers Pass, 1360m hoch, ist ein erstaunlich leichter Gegner: Zwar ziehen sich die Geraden, aber die Prozente fehlen! Allerdings gleicht das Rogers-Massiv einem Angelhaken mit schlechtem Koeder. Waehrend du den eigentlichen Haken spielerisch ueberwindest, faltet dich der Widerhaken fast zusammen! Der zweite Anstieg hatte es wirklich in sich – dazu kam der Regen, der uns paralell erwischte und auch die naechsten 30 km auf der Abfahrt begleitete. Irgendwann hab ich ohne Brille besser gesehen als mit! Ein definitiv schlechtes Zeichen und der Apell an Matt die Fuehrung zu uebernehmen. Auf der (unfreiwilligen) Downhillstrecke mit Paul vor einigen Tagen sind vermutlich meine Speichen draufgegangen. Und so muss ich nach wie vor „ohne drei“ im Hinterrad im Sichrheitsmodus den Rogers-Pass runter. Matt fährt hinter mir und spielt den Besenwagen, bzw. beobachtet mein humpelndes Hinterrrad.

Voellig durchnaesst kommen wir in Donald an und haben fuer diesen Tag genug gekaempft. Wegen eines Wasserschadens ist das Motel nur 2 $ teurer als das nasse Zelt. Wir zoegern nicht lange und schlagen bei einem Doppelzimmer zu.
Dabei bleibt es allerdings nicht lange. Matts schwäbische Ader endteckt in seinem Zimmer Motten und er „besorgt“uns aus diesem Grund klagend zum gleichen Preis zwei Einzelzimmer. Mit eigenen Handtuechern, Duschen, einer Kueche mit Herd und einem eigenen Bett machen wir es uns gemütlich und haben das mehr als verdient! Nach drei Wochen Isomatte fuehlt sich das richtig gut an. Wir trocknen unseren Kram, kochen und waschen die Waesche. Es ist gut, wenn man sich die Waescheleine teilen kann denke ich an diesem Abend. Alleine waeren diese Regentage hier noch bissiger.

18/07/2011

- Tag 19 -

Wir brechen Richtung Golden auf und haben bis dorthin nur 30 km sodass wir schnell da sind. Nach dem Einkauf regnet es wieder und wir beschliessen heute hier zu bleiben und erst morgen weiterzufahren. vor der bib treffen wir ein en deutschen Paraglider der hier Urlaub und einige „geile Flies“ macht. Er bietet uns ein kostenloses Outdoor-Filmfestival in der Gegend an, zudem wir es aber leider nicht mehr schaffen. Wir checken im CG ein und treffen ein Paerchen aus Luxembourg die per Bikes aus Alaska kommen (!). Wie immer wenn sich Radler treffen, geht`s ums Material, die route, die richtige Ernaehrung und das Wetter :) Frueh gehen wir schlafen weil wir am naechsten Tag bis nach Lake Louise, d.h. auch ueber den Kicking Horse Pass, wollen.

Waehrend die Beine also nach wie vor gut sind, hatten Stimmund und Material in den letzten Tagen schon etwas Verschleisserscheinungen. In Golden hab ich mein Rad richten lassen und sind nun drauf und dran die naechsten Kilometer bis zum YoHo-Nt.Park genauso motiviert anzugehen wie tags zuvor die durch den Glacier Nt.Park. Bei sonnigem Wetter fahren wir erst durch den Revelstoke und dann durch den Glacier Park und haben vor, hinter sowie links und rechts von uns überall „gorgeous Peaks“ (wie Matt alle drei Minuten sagt), d.h. traumhafte, schneebedeckte Gipfel. Wir halten an den besten Stellen fuer ein oder zwei schnelle Fotos und koennten fast alle zwei Meter stehen bleiben. Den Grossteil der Strecke ist der Mund weit offen und nur die wenigern cm zwischen meinem Gepaeck und den Stossstangen der wenig kompromissbereiten Trucks und der extra laut getunten Motorraeder trueben hier das Panorama. Die Gedanken sind z.T. schon beim nächsten Abschnitt, für uns sind die Nt. Parks, so schön sie sind, nur Durchgangsstation. Auf dem Icefields sind zur Abwechslung und sehr radlerfreundlich keine Trucks erlaubt!

20/07/2011

- Tag 21 -

Frueh – und doch nicht so frueh stehen wir auf, packen superschnell zusammen und fahren kurz nach den Luxembourgern los.
Allerdings wollten wir eine Stunde frueher auf der strecke sein und haben nicht bedacht, dass wir breiets eine Zeitzone ueberfahren haben. Hier ist Alberta-time, nicht mehr BC-time! Umso zuegiger gehen wir in die Etappe und machen gutes Tempo. In Field machen wir einen kleinen Regenstopp und essen dann die Banananen fuer den Kicking Horse Pass. Den Gipfel umfahren wir allerdings, weil dort ein genialer Radweg vom highway abgeht der bis nach Lake Louise mitten durch den Wald – und mitten durch Baerenland – fuehrt. In Lake Louise gibts selbst, wegen zuvieler Baeren im Umland, nur einen Campgroaund fuer Zelte und der hat ein Sicherheitszaun aussenrum und ist voll als wir ankommen. Das Dorf schreckt vor lauter Touribusse eher ab, das Hostel kostet 40 $ pro Bett und ist ebenfalls voll und wir sind in der gleichen Situation wie Kanwoo. Kanwoo ist aus Sued(!)Korea, wie er betont, und mit einem noch bepackteren Rad unterwegs als ich. Er hat u.a. ne Solarbatterie dabei mit der er seinen Ipod in 2 Stunden aufgeladen hat! Ohne Clicks hat er bereits ganz USA durchquert und kreuzt jetzt noch Canada!

Zu dritt steuern wir den Overflow Camp an. Der liegt 5 km richtung Banff und ist kostenlos. Dafuer aber auch humorlos. Macht nix, Zelt aufbauen geht, Bearlocker und Klo gibts auch. Mehr soll es die naechsten 7 Tage nicht geben … Jeder macht seine nspezielle Radlermahlzeit und wir tauschen uns ueber die unterschiedlichsten (Radler)- Dinge aus. War ein echt interessanter Abend!

21/07/2011

- Tag 22 -

Wir machen ein gemeinsames, getrenntes Fruehstueck und brechen auf. An der ersten Kreuzung verabschieden wir uns, Kanwoo macht ein Abschiedsfoto und faehrt in die Richtung aus der Matt und Ich kamen. Ich fahre – nach langem Entscheiden und vor allem wegen des schlechten Wetters – mit Matt nach Banff und will der Icefields erst bei gutem Wetter beginnen. Taeglich fotografiere ich den Wetterbericht im Touribuero umso meine Routen zu planen. Nach 60 km und einem Platten (Matt) machen wir Einkaeufe und essen im Park. Mit einem gemeinsamen Abschiedsfoto verabschieden wir uns nach 5 gemeinsamen Tagen und tauschen die Adressen. Er fahert weiter Richtung Mexiko, ich verdudel die Zeit im Internet und im Touri-Dorf Banff.

Mit schon viereckigen Augen hab ich nachts um 24.00 Uhr zwar ein Bier in der Hand – aber noch keinen Schlafplatz. Nach einer 1h leider erfolglosen Schlafplatzsuche im Regen (!) baue ich mein Zelt neben einer Kirche mitten im Ort auf und hoffe auf die Barmherzigkeit der Kirche. Genervt beschliesse ich das mit den zeitraubenden Fotos zu lassen und lege mich hin!
Gute Nacht hier und Guten Morgen nach da wo ihr seid!

22/07/2011

- Tag 23 -

Ich stehe – etwas unfreiwillig – schon um 6.30 Uhr auf um vor den ersten Kirchgaengern mein Zelt abgebaut zu haben. Zeitgleich mit der Muellabfurh bin ich wach und pflanz mich erstmal ins starbucks gegenueber, bestelle Kaffee und schreibe ins Moleskine. Kaffee bestellen ist hier nicht leicht: Die Ladies koennen mit „einem Kaffee bitte“ wenig anfangen und fragen mich hunderttausende Dinge. Mocha coconut? Vanilla? Caramel Light? Coffee (aber kalt)? Tall?Grande?big Size?
als ich Caffe Latte hoere, sage ich ja weil ich dmit zumindest was verbinde! Danach gehts einkaufen – etwas das ich mittlerweile voll zu wuerdigen weiss: Zip-beutel! 25 Stueck sind hier auf keinen Fall zauviel. Nach dem Mittagessen muss ich mit einem Trauerlied auf den Lippen mein Stativ wegschmeissen und mache mich auf den Rueckweg nach Lake Louise. Die 60 km werden zum Schwimmbad. Es regnet von A bis Z und ich protestiere indem ich einfach weiter kurbele und nie absteige. Wenn du hier absteigst, steigst du nicht mehr auf und das ist hier – wo nichts ist ausser Highway, Wald und ein Zaun der Menschen vor Tieren und tiere vor Menschen schuetzt – kaum moeglich! Allerdings weiss ich auf diesem 60 km nicht was mich mehr enttaeuscht hat, der erneute Regentag oder die Matthew Hornell- CD. Live ein voller Genuss, ist die Cd (mit Band) nicht mehr das was es war. die fussstapfen die ich ihm schon anziehen wollte waren – jedenfalls auf Platte – doch zu gross. The tallest Man und Bon Iver sind weit weg. Bon Iver macht die restlichen 30 km fuer mich den Regen vergessen und als ich ihn Lake Louise ankomme, kann ich sogar mein Zelt zum trocknen aushaengen! Ich steuere den bekannten Overflow an, koche Kartoffelbrei mit Irgendwas und mache biertrinkend ein Lagerfeuer. The Outdoor Type is back!

23/07/2011

Tag 24

Weil das Zelt noch nass ist, warte ich bis 10.30 Uhr und starte dann erst Richtung Centre um die Wasserflaschen aufzufuellen. Wasser ist in diesen Tagen das, was es ueberall zu sichern gilt: kochen, trinken, waschen. Sonst gibt es nichts. Bevor ich auf den Icefields radle, nehme ich zusaetzliche 12 km bergauf in Kauf um mir den Lake Morraine anzuschauen. Bei super Wetter ist das hier eine der Postkarten die dem Begutachter die Augen fesseln. Allerdings ist das widerum auch der Grund fuer zig Autos und Busse die mir, als ich nach 12 steilen km angestrengt aber gluecklich ankomme, gleich die Lust trueben. Ein Foto mit dem Selbstausloeser ist nicht moeglich – sofort stehen 10 wuselnde Menschen im Weg. Ich gehe abseits, koche mir Kaffee und Suppe und will nach paar Fotos schnell wieder weg. Mit Wasser und Brot und dem hoffentlich ausreichenden Proviant geht es nun – endlich – bei sonnigem Wetter auf den Icefields Parkway. Fuer die „schoenste Strasse der Welt“ braucht es einen Parkpass der eigentlich 70 $ kostet. Der Student am Gate winkt mich einfach durch: „Your`re all good, man!“

Weil ich gelesen und gehoert habe, dass der Icefields vom Hoehenprofil gar nicht so steil sein soll und eigentlich nur zwei grosse Paesse hat, gehe ich ganz locker und mit einem ersten Foto ran. Allerdings ist auf der Landkarte kein Gegenwind eingezeichnet und mit dem Lake Morraine- Anstieg in den Beinen zermuerbt er mich auf den ersten Kilometern. Der alles ueberragende Blick auf die Berge links und rechts entschaedigt letzlich fuer alles andere und nach weiteren 24 km komme ich am ersten Campground (Mosikto Creek) an. Der Platz kostet 15 $ (Self-Registration) und hat ausser Wasser, Klo und Bearlocker nichts weiter. die Moskitos halten sich – trotz dem Namen – erstaunlicherweise in Grenzen! Am Abend bzw. auf der suche nach jemandem der mit mir das site teilt, lerne ich Sonja und Marc kennen. Die zwei radeln ebenso (allerdings eine kleinere Strecke) und kommen wie so viele hier aus der Schweiz. Seit Canada in den 80ern aus der Schweiz Bergfuehrer geordert hat, haelt sich diese Laenderverbindung weiter aufrecht. Es sieht auch aehnlich aus – allerdings sind die Rocky Mountains und Canada voellig andere Dimensionen, das bestaetigen sie alle. Als ich zu meinem Platz zurueckkomme, sehe ich meine auf dem tisch liegen gelassene Bagelstuete auf dem Boden liegen. Ausserdem fehlen bereits 4 von 6: Der Riesen-Rabe fliegt weg als ich komme und bleibt wegen den zwei restlichen immer in der Naehe. Gerne haette ich ihm mit einem Stein zur Vernunft gebracht oder ueber den Rost gehaengt – werde aber besaenftigt, weil ich doch noch jemanden zum Platz teilen finde. Ein franz. Paerchen das hier Autourlaub macht teilt mit mir die Kosten, kocht aber im Shelter und wir reden nicht viel. Ich checke mit Sonja und Marc noch routendetails fuer den naechsten Tag und probier`s mal wieder mit Gemuetlichkeit! Ich frage die beiden ob ich mein Essen in ihr Auto machen kann und sie meint:“ Ah, ok. It`s for the bears? Gut wie es mir geht, antworte ich: „no, hopefully against them, right!“ Da ich frueh raus will und sie ausschlafen wollen suche ich – nachts im Wald – nach der Seilaufhaengung fuer mein Essen und alle anderen Riechstoffe (Shampoo etc.). Lustig war`s, geklappt hat`s auch!

24/07/2011

Tag 25

„Frueh raus“ war uebertrieben, zudem muss ich warten bis das Zelt ebenfalls abfahrbereit und – trocken! – ist. Etappenstart ist erst um 10.00 – dann aber richtig! Bei bombastischer Sonne wartet ein richtig schoener Tag und mit dem bow Pass (2135m) der erste grosse Pass des Icefields. Das Fruehstueck teile ich mir uebrigens mit einem Chipmunk der mich belagert und meine Reste fressen will. Seitdem ich weiss, dass die Viecher auch Ortliebtaschen durchfressen, verschliesse ich immer alles im Bearlocker und lasse kein Essen mehr aus den Augen. Zumal Tiere fuettern – in allen Parks – natuerlich zu Recht verboten ist! Die Strasse zum Bow Pass ist gigantisch und das Radeln macht hier oben soviel Spass wie nie zuvor. Der Gegenwind versteckt sich hinter den Bergmassiven und ich rolle mit fast 30 durch die farbenfrohe Gletscherlandschaft. Der Aufstieg zum Bow Pass ist einfach und ich merke ihn nur die letzen steilen Km zum Lake Peyto Lake hoch. Lake Peyto ist ein weiteres Postkartenmotiv , ein smaragdgruener See – mit super Aussicht und wieder etwas zu vielen Besuchern. Ich mache Fotos und freue mich direkt aufs weiterradeln. Unterwegs gable ich zwei Radler – die endlich mal wieder in dieselbe Richtung fahren wie ich – auf. Chris und Ana kommen aus Toronto und wollen mit dem Rad auch dorthin fahren. Waehrend Ana nicht mehr so den ganz motivierten Eindruck macht, ist Chris ein lustiger Typ mit Angel und keinem Regencape im Gepaeck! Als er mein Rad sieht, meint er ob ich in meinem Kanusack `ne bombe durch die Gegend fahre. Und tatsaechlich sieht der unfoermige vollgepropfte aber wasserdichte Sack manchmal echt so aus. Mit ihm rede ich die ganze Zeit bis zum Sasketchwan X-ing, der einzigsten Einkaufsmoeglichkeit auf 230 km Icefields. Die vom Raben gestohlenen Bagels ersetzte ich durch teures Wabbel-Brot und lade meinen Camerakku auf. Chris und Ana radeln (leider schon) weiter, weil sie – im Gegensatz zu mir – etwas Zeitdruck haben. Da mein Zug erst am 01.08. von Jasper nach Toronto faehrt und ich mir gerade fuer den Icefields viel Zeit nehmen will, gehe ich ab jetzt etwas langsamer an. Als ich auf mein Cameraakku warte, steigt ein graubaertiger Vollblutcanadier aus dem Truck und fraegt wie weit es von hier zur naechsten Gasstation sei. „About 100 km“, ist die Antwort. Der Kerl lacht und meint:“ yeah, quit araound the corner, man“. Was fuer mich ein Tag kurbeln heisst, ist fuer ihn um die Ecke. Canada: Das Land der unglaublichen Dimensionen! Der Canadier bwohnt Hausnummer 29134 und kauft lieber gleich 10 kb Butter, weil das billiger ist als 3 kg! Der Canadier hat hat einen Camper, so gross wie ein Reisebus und zieht seinen Van fuer die Stadt hinterher. Er feiert Barbecue wie Weihnachten und macht morgens um halb acht Lagerfeuer, einfach so. Ab und zu ruelpst er ohne sich zu entschuldigen und er holt Feuerholz mit dem Truck, auch wenn der Stapel nur 1o m weit weg ist. Aber hey, spaetestens wenn er zu dir sagt:“ Your`re very welcome“, muss man ihn liebhaben.

Mitaggespause mache ich an den Waterfowl Lakes, einem der schoensten Orte ohne Busse und Autos bisher. Gemeinsam mit dem abendlichem CG am Rupert Creek ist das eine Flusslandschaft, die (mich) zu jeder Tageszeit zum Zeitvertreiben einlaedt!

Am Rupert Creek mache ich das ultimative Basti-Enderle-Tribute-Feuer (fuer alle die ihn kennen!) und grille zum ersten Mal. Grillwuerschtle, Senf und Couscous – mehr gibts nicht und mehr brauchts auch nicht! Was ist so besonders am Basti-Enderle-Gedaechtnisfeuer? Es hat die 100%ige Brenngarantie (sagt der Meister) :“bei Wind und Wetter, ohne Papier, und nur einem Streichholz“! Gut wer eine gute Ausbildung bei den Pfadis genossen hat! Gut Pfad in die Zentrale an dieser Stelle!

Zum Sonnenuntergang gehe ich zum Fluss und erfrage mir bei einer deutschen RV (Camper)-truppe drei Schluecke Rotwein. Nach einem voellig erfuellten Tag reichen bereits 2,5 Schluecke und ich lesen anschliessend nur noch zwischen den Zeilen!

25/07/2011

Tag 26

Folgende Gedanken schwirren mit mir durch die Nacht: Immern noch kein Baer gesehen! Immerhin heisst das auch, immer alles richtig und bearsafe gemacht! Duschen! Mein Rad-Trikot zieren Tomatensossenflecken von vor zwei Wochen die einfach nicht rausgehen! Was mache ich mit der ganzen Zeit? Wenn ich mich aufs Rad setze, bin ich immer zu schnell da wo ich hin will!

Nachts wird es hier im Hochgebirge jetzt richtig kalt d.h. an die 2 Grad d.h. es schmerzt noch mehr, wenn man tagsueber zuviel getrunken hat. Trotzdem gilt das Motto: Besser 1 mal nachts raus als Opfer eines Hitzestichs! Vor zwei Tagen – erzaehlen mir 2 Radler – lag hier auf dem CG. Schnee! Ein Ziel von mir fuer die naechsten Tage heisst: Schneegrenze erreichen, egal wie! Ob mit dem Rad oder hiken; ich brauche Eis in meinen Radflaschen! Schon am selben Tag sollte es klappen: Auf dem Programm stand der zweite Pass und dieser hat diesen Titel auch tatsaechlich verdient! In Tour-de-France-Manier schlenzen sich die langen Serpentinen wendeltreppengleich auf 2100m hoch. Zu dieser grandiosen Etappe fahre ich zum ersten Mal mit Juli`s geborgter Sonnenbrille (und nervigen Kontaktlinsen dahinter). Waherend der Linsenprozedur, in der sich 5 fruehzeitig verabschieden muessen, mussten auch 100 voellig unangebrachte Moskitos dran glauben. Ueberhaupt bin ich mittlerweile von (Moskitostich)-Sammler zum (Moskito)-Jaeger gereift!

Zurueck zur Brille: Waherend andere Brillen nacktscannen oder 3D ermoeglichen, muss diese Brille einen eingebauten Tempomat haben. Mit verhaltensauffaelligen 15 km/h fahre ich in den Berg. Die Maschine rollt und ich gebe ihr unterwegs das was sie braucht: Icetea, 98% Zucker und Riegel! Die immernoch kranke Nase tropft im kalten Wind und macht das Atmen in der Hoehenluft schwerer, trotzdem fliege ich am Fotographrenspalier vorbei und stelle mir insgeheim vor, dass sie mich und nicht die Aussicht abblitzen. Und ja, tatsaechlich hat`s auch dreimal bei mir geblitzt! Auf den naechsten Kilometern denke ich ueber moegliche Tour-de-France-Ueberschriften in der L`equipe nach. Der Aufstieg zieht sich dann doch und ich krieche mit 5 km/h ueber die Passlinie. Hier stehe ich direkt vorm gleichnamigen Sunwapta Gletscher, einem schoenen Riese in Weiss!

Da ich genug Zeit habe, esse ich, lasse mein Rad stehen und hike in 1h auf den Gipfel. Die Luft wird immer duenner, die Nase tropft aber es gibt Schnee hier oben! Und eine unglaubliche Aussicht auf lauter weisse Gipfel in jeder Himmelsrichtung. Irgendwann bin ich fuer einen Moment ganz alleine hier oben, erinnere mich an den Ronja-Raebertochter-Fruehlingsschrei und teste die Videofunktion der neuen Camera. Ein Wahnsinnserlebnis! Hier oben realisier ich ein bisschen was ich hier eigentlich gerade mache und bin so froh, dass ich in keinem dieser Busse sitzen muss.

Die naechsten Km gibt der (Extrem) sportler (in mir) Ruhe und macht ein langsames zum Wilcox – CG -Rollen meogelich. Zudem war der Hike viel anstrengender als das drei Wochen radfahren und meine Waden gluehen.

Am Abend treffe ich Thomas und Denise aus Leverkusen. Sie laden mich zu Feuer und Snacks ein. Weil sie das schon mal gemacht haben – und erfolgreich – wollen sie zur Abenddaemmerung einige Km mit dem Auto fahren bzw. Tiere beobachten. Denise hat Bio studiert und ein schlaues Buch ueber alle Tiere der Rockies im Handgepaeck. Kurzerhand nehmen die beiden mich mit und wir fahren langsam durch die Daemmerung. Hier oebn ist es auch um 22.00 Uhr noch enigermassen hell zu dieser Jahreszeit. Waehrend die beiden eher enttauescht sind weil wir leider nichts gesehen haben, finde ich es unglaublich krass mit dem Auto „meine morgige Strecke mal kurz abzufahren“. Das Hoehenprofil sieht – aus dem auto – nicht allzu schwer aus, auch wenn das Wetter morgen wieder schlechter werden soll. Nachdem das Lagerfeuer runtergebrannt ist, gehe ich muede ins Bett und wir verabreden uns fuer in zwei Tagen in Jasper. Bis dahin geben sie mir zwei ihrer Riegel mit, mein Essen wird naemlich langsam knapp und ich will/muss allein aus diesem Grund in zwei Tagen in Jasper sein (102 km).

26/07/2011

Tag 27

Positiv ueberrascht registriere ich dass es nicht regnet. Ich starte spaet und habe mir nur etwa 50 km an diesem Tag vorgenommen. Den ersten Stopp mache ich im Icefields Centre (zumal es einen kleinen Regenschauer gibt) und muss mit ansehen wie zig Digitalcameras mit dem Shuttlebus direkt auf den 100m entfernten Gletscher kutschiert werden. Dass der Gletscher in den letzten 10 Jahren um 60% seiner Groesse einbuessen musste, juckt hier niemanden. Mein Blutdruck steigt obwohl ich sitze und ich muss erstmal an die frische Luft. Ich kaufe sowohl Apfel als auch Banane und fahre gerne weiter. Nach dem `letzten Anstieg` – wie mir ein Biker sagt – freue ich mich auf die Abfahrten und hab direkt Pech gehabt.

Die wichtigste Radlerregel in diesem Land heisst: Glaube niemandem! Auch wenn sie es noch so gut meinen, ueberpruefe alles selbst! Canadier/ fanatische Autofahrer haben keine radlerrealistische Beziehung zu Woertern wie „weit“, „huegelig“, „steil“ und „downhill“! Zumal der Gegenwind bei ihnen eine vernachlaessigte Groesse ist und als Variable keine Rolle spielt.

Auf den naechsten Kilometern werden Abfahrten zu Geraden auf denen ich strampeln muss und Geraden werden zu Anstiegen. Auf freien Flaechen im Hochegebirge gebe ich schnell auf und schalte etwas genervt in den Hobbyradlertritt: 12km/h auf Geraden. Natuerlich regnet es auch noch und ich bin die haelfte der Zeit damit beschaeftigt nach bzw. imRegenschauer die Regenhose an und wieder auszuziehen. Nass werden, kalte Luft, Gegenwind, Schwitzen und erkalten – super Bedingungen fuer eine bereits angeschlagene Nase. In diesen Momenten hilft nur Musik: Mit James Blake gehts zu den Sunwapta Falls, wo ich die Kleider wechsel, mich auffwaerme und dem angeschlagenen Koerper Pommes mit zig Saucen goenne. Nebenbei schaue ich mir die Wasserfaelle an. Ohne schwitzen zu wollen (und den gleichen Stress wieder zu haben) rolle ich gemuetlich zum naechsten Campground (Honeymoon Lake).

Nicht zufaellig waehle ich hier den Platz zwischen einer Mama mit zwei kleinen Soehnen und zwei Hunden. It`s bearsafe!
Mit der Mama komme ich ins Gespraech als sie ihr mit den Jungs grillen will und das Feuer nicht anbekommt. Das Holz ist nass und auch meine Basti-Enderle-Tributmethode funktioniert nur eine halbe Stunde lang. Ich leihe mir ihre Axt und starte erneut. Im Gespraech erzaehle ich ihr warum ich diesen Platz gewaehlt habe und sage :“ because i like the sounds, you know“ und meine die kleinen Jungs. Sie meint:“ yeah, sounds like home!“ Genau! Die drei machen ein 2Tages-Campingtrip zur Oma und als sie ploezlich zu ihren blonden Jungs meint: „Yeeeah boys, we love camping or ?“ ist mir diese Situation bestens bekannt. Von den Jungs (2 und 4 J.) kommt keine Reaktion, weil sie beide kopfueber in ihrer Nudeln-mit-sonst-nichts-Schale haengen und keine Zeit haben fuer Konversation. Sie geben mir einen Hot Dog aus und ich grille kanadisch!

27/07/2011

Tag 28

Frueh stehe ich auf, trockne mein Zelt vom Tau und fruehstuecke im Shelter. Von der Nachbarin gibt“s Kaffee und im „Fern-sehen“ gibts ein deutsches Drama um den richtigen Campingplatz. Auch an diesem Tag komme ich direkt in einen dieser kleinen gemeinen Regenschauer und bin irgendwas zwischen nass und verschwitzt, kalt und heiss. Die 20 km zu den Athabasca Falls gehen trotzdem gut rum, zudem ich hier Zeit habe fuer eine kleine Pause. Ich entdecke einen schoenen Platz und geniesse den Apfel. Als ich weiterfahre, kommen mir schon vereinzelte Radler – oft ohne Gepaeck – entgegen – ein Zeichen dafuer, dass ich der Zivilisation wieder naeher komme. Jasper als Magnet, geniesse ich die letzten Momente und Aussichten in vollen Zuegen – zumal ich sehr gut unterwegs bin. Bevor ich die Passstelle erreiche, gehoert mir der Icefields mit Moby`s Porcelain zum letzten Mal ganz alleine! Musik half (mir) bisher immer, sowohl Momente ganz fuer mich einzufangen als auch die vorbeirasenden Autos auf den Highways etwas zu vergessen. Wenn es schlecht laeuft, bist du hier trotz der Autofahrer ganz auf dich alleine gestellt. Irgendwie entwickelt sich auch teilweise eine gewisse Abneigung gegenueber entgegenkommenden Abgasen, verdunkelten, unkommunikativen Windschutzscheiben und ihren wenig interressanten weil immer gleichen KFZ-Haltern/innen.

In den fuenf Tagen Icefields hab ich nun auf 230 km 900 Hoehenmeter mitgenommen und plaediere dafuer, dass diese Strasse niemals aufhoeren darf. In Kopf , Beinen und Herz wird mich diese `Strasse`, die eigentlich eine Dimension ist, vermutlich immer weiter begleiten und spaetestens beim kommenden Bon – Iver – Konzert in Koelln Ende Oktober hab ich den ersten grossen Flashback. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge rolle ich den letzten Abhang runter. Vom Icefields nehme ich nicht nur unglaubliche, gigantische, ja unbeschreibliche Eindruecke mit, sondern leider auch eine kleine Erkaeltung, die ich mir irgendwo auf den 230 km Hochgebirge `eingefahren` haben muss. Mit dieser faehrt es sich bei stets kaltem Gegenwind in duenner Luft nochmals schwerer und so sind die warmen Duschen Jaspers das erste Ziel. Wie Evans als er das Podest erklimmt freue ich mich als ich eine `Solange-du-willst-Dusche` antreffe.

28/07/2011

Tag 29

Nach nun ueber insgesamt 1200 km bin ich seit gestern mittag (tatsaechlich) in Jasper angekommen. Jasper, Zielort meiner Westcanadatour und Endpunkt des legendaeren Icefields Parkway ist ein nettes, nicht zu touristisches Staedtchen und empfaengt mich mit neutralem Wetter. Ausserdem gibts ein super Internetcafe: 3 $ unlimited! Nach 6 Tagen (davon 5 Tage Icefields) Wildnis/kein Strom/Campgrounds ohne Duschen etc. ist die Dusche das Erste, was mich – zugegeben, auf nicht ganz offizielle Art und Weise – magisch anzieht. Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich die mir aus der Zivilisation entgegenkommenenden Radler nur begruesse statt mich mit ihnen kurz zu unterhalten. Der Extremsportler (in mir) will den Schnitt auf den letzten Kilometern bei 25 km/h halten und haette auch bei einem Querschlaegergrizzly der mir ins Rad laeuft nicht mehr gebremst. Entgegen dem stillen Kodex, auf der letzten Etappe nicht mehr zu attackieren, hat das Wetter mit mir abermals keine Gnade. Zwar sind es vom Honeymoon Lake nach Jasper nur 50 km, die werden bei Regenschauern und Gegenwind aber schnell zu gefuehlten 100.

Zum eigenen Wohl – und dem der Allgemeinheit – suche ich nach einem ausgiebigen und feierlichen Mittagessen im Anschluss eine >> public loundary < < auf und wasche nach einer Woche endlich meine verschwitzten Radlerklamotten und alles Andere. Das weissgekaufte Radlertrikot ist mittlerweile okker mit braunem Abstrich und ueberraschte mit allerlei exotischen Farbkombinationen! Wieder in der zivilisation angekommen, treffe ich Louis aus Quebec City wieder und auch einen der deutschen RV-Camper, die mir das Glas Rotwein ausgeschenkt haben. Jasper ist nach dem grosser Weite eben der einzige Ort, den hier alle ansteuern (muessen). Im Infocentre erkundige ich mich nach dem Ueblichen und bin mittlerweile schon so „angekommen“, dass sich (auch sonst) englischsprachige Menschen bei mir nach dem Weg erkundigen und ich ihnen den richtigen Pfad gerne weise. Gegen Abend fahre ich zum Wapitit- Campground weil ich mich dort vor zwei Tagen mit Thomas und Denise zum Bier trinken und Etappenziel 1 feiern verabredet habe. Schnell wird klar, dass das bei 160 Sites und sehr verwinkelten fast schon unuebersichtlichen Anordnungen nicht einfach wird die beiden hier ueberhaupt zu finden. Uebrigens laueft hier gerade ein Schwarzbaer irgendwo auf dem Gelaende rum! Nach einem Monat Canada ist das immernoch eine nicht beilaeufige Information – zumal ich irgendwie der einzige bin der hier immernoch keinen gesehen hat. Nach dreimaliger Campgroundumrundung gebe ich auf und spreche nicht zufaellig einen smpathischaussehenden, alleinereisenden Motorradfahrer an. Er heisst Sylvain (aber nicht Wiltord) und kommt aus Edmonton. Ein Motorradfahrer der gleich zugibt Motorradanfaenger zu sein muss sympathisch sein und wir kommen schnell in ein nettes Gespraech. Ein Extrazelt kostet hier nichts (27 $ die Nacht waere mir insgesamt eh zu teuer gewesen) und so schlage ich mein Zelt – auf endlich wieder weicher Erde – neben seiner 1Mann-Nusschale auf. Er wollte eine Crossing-Canada-Tour machen, hat jetzt aber seit 2 Tagen einen neuen Job als Krankenpfleger im Gefaegnis und macht nun nur eine 2-Tagesto. Er erzaehlt mir, dass 75 % der Insassen Natives sind und ich erzaehle ihm von der Harley-Faust. Die Win-Win-Situation entpuppt sich als genau richtig und wir reden am Lagerfeuer bis spaet in die Nacht, d.h. 22.30 Uhr! Wir haben es – fuer meine hiesigen Verhaeltnisse – richtig krachen lassen, wir zwei!

29/07/2011

Tag 30

Am naechsten Morgen, 7.45 Uhr, macht er fuer uns beide Espresso in einer dieser wirklich tollen Outdoor-Espressomaschinen und gibt mir noch den ein oder anderen Jaspertip. Auf Wunsch gebe ich ihm alle Adressen die ich habe. Er verabschiedet sich mit der Harley-Faust und schwoert, mit dieser als Motivationsspritze den naechsten leidenden Radler ueber den Gipfel zu schleifen. Ich will zur Dusche rollen und … habe nach einem Monat den ersten Platten. Im Marathon Plus! Auch unplattbar ist eben nicht unplattbar. Zuerst befuerchte ich ein Chipmunk hat mein Reifen angefressen, dafuer ist das Loechle aber dann doch zu klein. Ich flicke ihn schnell und radle in die Stadt. Da es leicht regnet, kaufe ich Postkarten etc. Zudem soll heute der erste Tag seit drei Wochen sein an dem ich nicht auf den Tacho schaue. als ich faelschlicherweise mein Radtrikot anziehe, reboote ich mein System und klicke auf Neustart! Mein System muss den etwas anderen Tagesrhythmus erstmal verarbeiten. So gut die Ruhetage tun und sich auch die Beine, bzw. die Intimpassage am Ende dieser, freut, so werde ich mich sicher auch bzw. immernoch auf mein vollbepacktes Rad freuen. Es ist einfach ein geiles Gefuehl mit allem was du hast und aus eigenem Antrieb ueberall hinrollen zu koennen um dann die Aussichten viel mehr geniessen zu koennen.

Jasper bietet zum Glueck einiges an Landschaften an: Viele Seen etc. Auch die Baerendichte ist hier besonders hoch und so besteht die Chance doch noch einen zu Gesicht zu bekommen. Allerdings werde ich es nicht erzwingen: ich binde mir definitiv keinen Schinken ans Hinterrad! Gegen Mittag fahre ich zwei kleine Steigungen zu zwei schoenen Seen ganz ind er Naehe von Jasper. Hier ist es deutlich ruhiger und vermutlich zum ersten Mal, ueberhole ich hier mehr (Jogger und andere Radler) als dass ich (Camper, Autos etc.) ueberholt werde. Ich geniesse die Ruhe hier fuer eine Weile und rolle gemuetlich zu einer etwas abgelegenen Stelle. Ich ziehe die Cam und meine ein richtig cooles, einzigartiges Motiv eingefangen zu haben. In diesem Moment haelt neben mir einer dieser Busse, zwanzig Nikon`s stolpern aus ihrer Legebatterie und feuern eine Salve auf dasselbe Motiv ab. Geschockt setze ich mich aufs Rad und fahre nach Jasper zurueck.

Am Abend komme ich zufaellig an einem Live-Musik-Pub vorbei und hoere mir bei zwei Bier eine der besseren 4er Girlgroups an. Ein etwas komischer aber lustiger Typ beschwert sich ueber zu wenig Geld (auf Jobsuche mom) und zahlt fuer Downtown-Chicago monatliche 900 $. Die verspaetete Schlafplatzsuche endet erfolgreich hinter einem oeffentlichen Gebaeude dieser ueberschaubaren Gemeinde. Das Zelt ist mittlerweile auch im Dunkeln in null-Komma-Nix aufgebaut. Was am Anfang aussah wie ein Friedhof, ist in wirklichkeit die Bibliothek. Ich schlafe gut und bin vor den Oefnnungszeiten schon lange weg.

30/07/2011

Tag 31

Die fruehzeitigen Zwangs- Raeumungsaktionen werden mittlerweile immer mit einem (gekauften) Kaffee entschaedigt und so sitze ich, als einer der ersten Kunden, im Kaffee und trinke einen (mit kostenlosem Refill) zu einem guten Preis. So macht das Fruehaufstehen Spass – zumal heute nichts Grosses auf dem Plan steht. Ich gehe kurz ins Internetcaffe um einige Dinge zu checken und treffe Claudio. Er und Anina sind gerade in Jasper angekommen und haben mein nicht zu uebersehendes Rad draussen vor der tuer gesehen. Die beiden haben 5 Tage Regen auf dem Icefields hinter sich und sind dementsprechend froh in Jasper zu sein – zudem an einem heute sonnigen Tag. Die Zugpause kommt auch ihnen gerade recht, im Gegensatz zu mir haben sie nicht Economy class gebucht und duerfen sich auf eine Schlafkabine und „Melas included“ freuen. Nach fuenf Regentagen auf dem Icefields absolut verdient, wie ich meine!

Waehrend die beiden erstmal einkaufen, koche ich im Park und schaue zwei Typen auf der Slagline zu. Ein dritter, Armit, kommt auf mich zu und gibt mir zwei Thunfischdosen in die Hand. Er arbeitet hier fuer einige Monate als „Mann fuer Alles“ und wohnt fuer diese Zeit auf einem der beiden Jasper-Campingplaetze. Fuer diese und die naechsten Naechte laedt er mich ein umsonst auf seinem Campsite zu wohnen. Ich bin anfangs etwas skeptisch und muss erst rausfinden ob er mich nicht `abziehen` will – es klingt aber alles gut und ich nehme sein Angebot ,nachdem ich mit Claudio und Anina zur Etappenankunft einen 6er plattgemacht habe,gerne an. Als Anina meint ich haette einen „Plattfuss“ schaue ich meine Fuesse an und finde dass eigentlich alles in Ordnung ist. Als ich losfahren will, stellt sich schnell heraus dass sie nicht meine Fuesse sondern mein Rad gemeint hat: Platten! Allerdings kein uebler und ich kann mit etwas Luft zum CG fahren. Dort angekommen, 23 Uhr, ist es dunkel und ich bin sichtlich ueberfordert Armit`s Campsite auf einem 600er (!) – Platz zu finden. Nach zig Umwegen bin ich schliesslich da und mir ist sofort klar, dass das hier eine etwas exotische Zeit mit ihm wird. Normalerweise darf man auf diesem CG nur zwei Wochen am Stueck bleiben; Armit hat eine Spezialgenehmigung, zahlt aber auch dafuer. Er hat nicht viel und doch hat er alles! Er hat auf mich gewartet, baut mit mir das Zelt auf und redet gerne. Sein Zelt dagegen, sieht von aussen alles andere als wasserdicht aus, die Innenansicht gleicht den Ueberresten einer Explosion. Trotzdem findet er alles: Er gibt mir 10 Paar warme Socken fuer die sehr sehr kalte Nacht (Ich nehme zwei Paar und bin wirklich dankbar!) und 5 Heringe fuer`s Zelt. Ohne meine Heringe – Achtung: SoPaed- slang! – nur aufgrund ihres Aussehens stigmatisieren und diskriminieren zu wollen, die sind mittlerweile so verbogen, dass viele von ihnen kaum mehr taugen. Ich nehme sie gerne, klopf sie rein und falle, nachdem ich alles gesichert habe, muede ins Bett. Am naechsten Morgen weckt mich um 6.45 Uhr ein „Young Man, how`re U?! Da hier niemand anderes ist ausser mir, muss es sich um mich handeln. Ich pack meinen Kram zusammen und bin wirklich dankbar fuer die Socken. Es ist saukalt! Armit und Ich gehen zu den Washrooms: Waehrend er sich aufwaermt, dusche ich. Auf seinen Rat – und er ist outdoorerfahren hier – ohne Haarewaschen, weil es hierfuer einfach zu kalt ist und die nicht trocknen wuerden. Zurueck am Platz macht er ein Holzfeuer in einem kleinen persischen Teekocher den er gefunden hat und kocht Tee und Porridge darauf. Seine Tannenzapfenmethode imponiert mir, als ich ihm meine Basti-Enderlemethode zeige, will er sich sofort ein neues Messer `besorgen`. Armit hat allerlei Kraeuter in seinem Bunker und fuer jede Tageszeit oder Stimmung einen entsprechenden Tee. Gestern schlief er mit einem „Muede-Mach-Tee“ ein, heute frueh kontert er mit seinem „A loooots of energy- Tee“. Wir legen beim Fruehstueck zusammen und freuen uns ueber die aufgehende Sonne. Nebenbei erzaehlt er mir dass direkt neben seinem Zelt noch vor wenigen Wochen jeden Morgen Elche mit ihm gemeinsam auf die ersten Sonnenstrahlen gewartet haben. Nach dem Fruehstueck will ich losfahren, komme aber nicht weg und laufe schliesslich mit ihm in die Stadt. Auf dem Weg nehmen wir extra einen kleinen Pfad durch den Wald, weil er hier neulich einen Blackbear im Baumwipfel gesehen hat. Keine zwei Minuten spaeter sehe ich – als Erster! – einen kleinen Blackbear der nicht weit von der Strasse die roten Beeren der Buesche dort frisst. Armit und Ich koennen ihm richtig lange zuschauen, bevor er wieder im Wald verschwindet. In der Zwischenzeit haelt ein deutscher Camper und macht Fotos – zum Glueck war`s ein wenig befahrener Trail, manchmal bilden sich hier richtige Menschentrauben bis hin zu Massenpanikszenen. Richtig glueklich dass ich endlich an den kanadischen Lagerfeuern mitreden kann laufen wir nach Jasper. In der Sozialstation in die er geht gibt“s kostenlos Kaffee und Brot, danach verabschieden wir uns voneinander. Ich trockne mein Zelt, flicke mein Rad erneut und argere mich ueber die zu lange Schlange im VIA- Railbuero. Da es zwischenzeitlich schon mittags ist, muss ich mich, will ich den Lake Maligne heute noch erreichen bzw. wieder zurueck, etwas beeilen. Da es die letze Gelegenheit ist und das Lake Maligne Motiv (zu Recht!) weltberuehmt ist, will ich mir die 50 km bergauf und 50 km bergab auf jeden Fall antun. Ich tape mein Bein sicherheitshalber und radle los.

Die Strecke hoch zu den zwei Lakes ist weit weniger befahren als der Highway und es macht, zudem es hier sehr sehr schoen ist, richtig Spass zu fahren. Beinschonend fahre ich die zunehmend steileren Anstiege gemuetlicher und das sollte sich auszahlen. Auf den naechsten 10 km sehe ich nochmals 3 Baeren (davon zwei Grizzlies) und schraube die Tagesmarke damit auf vier. In Sachen Tierbeobachtung ist der Radler eben eindeutig im Vorteil. Bleibe ich am Strassenrand stehen, fahren die Autos sofort langsamer weil sie denken ich halte wegen einem Baeren. Im Nachteil bin ich dann, wenn er auf einmal vor mir steht. Ueber die strikte Anweisung fuer diese Strecke „Stay in your vehicle“ muss ich etwas aengstlich schmunzeln. Nachdem mich der zweite Blackbear von weitem und an einem Baum gelehnt beim radeln beobachtet, erschrecke ich total, als keine 8 m vor mir ein Grizzly die Strasse ueberqueren will. Und das genau in dem Moment als ich vorbeifahren will. Wir erschrecken uns beide – ich halte reflexartig an, er macht 10 Schritte zurueck. Von seinem Plan die Strasse zu ueberqueren sieht er – zum Glueck ab – und ich kann ihn laengere Zeit beobachten und zwei Fotos machen. Ich bin ganz alleine auf der Strasse und es riecht extrem nach Wilderness. Ein toller Moment! Ein wilder, schoener, starker Grizzly! Eine Geschichte die sogar Kanadier noch beeindruckt +)

Einige Km weiter bin ich mit der Cam zu langsam fuer das Bild der Bilder. Ein zweiter Grizzly stellt sich auf die Hinterbeine um zu schauen wer da kommt und schaut mich an – keine zwei Meter von der Strasse entfernt. Mit diesem Bild – und der alten Camera – haette ich mich als Tierfotograph bewerben koennen. Die gesamte Strecke ueber fahre ich, solange kein Auto kommt, immer mittig der Strasse um rechtzeitig reagieren zu koennen. Zudem hab ich die Bearbell am Lenker befestigt und eine Pfeife, mit der ich ihn notfalls auspfeife!

Die naechsten Km sind weniger spektakulaer, aber trotzdem sehr schoen; gegen Ende werden die Steigungen nochmal richtig steil und es ist ein hartes Stueck Arbeit zum Lake Maligne. Nach 50 km in 4,5 Stunden oder so ist es mittlerweile schon Nachmittag. Da ich diese bekannte Baerenstrecke auf keinen Fall in der Daemmerung fahren will, verzichte ich auf den 14 km Hike zu DEM Motiv, kaufe zwei Karten davon, laufe 4 km, treffe den ersten Kanadier der Freiburg und Heidelberg kennt (Er arbeitet fuer BASF in Ludwigshafen) und mache mich auf den Rueckweg. Nach den erfolgreichen Baerenmeetings die mir auch die Angst genommen haben, verzichte ich bei der abfahrt auf die Bearbell und hoffe nochmal welche zu sehen. Mein Beobachterglueck war allerdings fuer diesen Tag aufgebraucht oder vielleicht war ich bergab einfach zu schnell fuer den richtigen Moment, jedenfalls hab ich keinen mehr gesehen. Eine schoene Abfahrt verziert einen schoenen, anstrengenden Radtag und ich bin erst gegen 20.00 Uhr wieder in Jasper. Nach dieser Tagesetappe muss ziemlich ko. ausgesehen haben! Eine gemischte Party- Gruppe aus Edmonton spricht mich an und fraegt ob’s mir auch gut geht. Nach den ueblichen Saetzen schenkt mir einer der beiden Jungs seine angebrochene aber noch warme Lasagne. Strahlend nehme ich entgegen und freue mich bereits jetzt auf das Essen. Dazu hole ich, wie immer, Wasser und suche den Platz auf, den ich mir schon gestern fuer heute ausgesucht hatte: Ein gemuetliches, windgeschuetztes Eck(chen) auf dem Schulgelaende. Morgen ist Sonntag, d.h. der Plan steht! Ich koche erstaunlich viel und esse, inkl. der Lasagne, dem Tag entsprechend richtig viel. In der Nacht interessieren mich die Wind und Gewitterstuerme wenig bis gar nicht.

31/01/2011

Tag 32

Als ich aufwache ist das Zelt natuerlich nass. Ich baue ab, packe es nass ein und gehe Kaffee trinken. Da heute, am Tag vor der Abreise, nichts mehr gross ansteht, will ich den Tag zum Umpacken (Handgepaeck etc.) und Trocknen nutzen. Dazu bietet sich der Campingplatz mit Dusche an und ich dorthin radle ich in deiner Regenpause. Da es aber den ganzen Tag ueber regnet, muss ich mir was einfallen lassen wenn ich morgen kein nasses Zelt fuer drei Tage einpacken will. Da das mit dem Lufttrocknen nicht klappt, mache ich in einem der Shelter Feuer und koche und trockne nebenbei meine Sachen. Das klappt erstaunlich gut und trotz Regentag ist die Laune eigentlich richtig gut. Als ich am Abend ueberlege nochmal auf ein Bier in die Stadt zu fahren und ueber den Schlafplatz fuer heute Abend nachzudenken, treffe ich Trevor beim Abspuelen. Er ist aus Edmonton und campt mit Grossfamilie nebenan. Er laedt mich auf ein Feuer und paar Bier ein und sofort ist die Abendgestaltungsfrage beantwortet. 4 Generationen erfreuen sich trotz Regen an Marshmellows, Lagerfeuer und Bier. Gegen 22 Uhr ist Ende Gelaende und ich baue mir mein Schlafplatz im Shelter auf. So ist das Zelt morgen supertrocken, heute ist die Nacht nicht ganz so kalt und ueberhaupt, der Plan ist richtig gut.

01/08/2011

Tag 34 – ZUG

Am naechsten Morgen packe ich ein trockenes Zelt zusammen und rolle zum Campsite nebenan. Trevor macht bereits Eier mit speck, die Kinder sind wach, die Frauen schauen etwas nervenstrapaziert. Ich bekommen ein super Fruehstueck serviert und freue mich besonders ueber die frischen Erdbeeren auf dem Tisch! Ich verabschiede mich um zeitig in Jasper zu sein, nochmal einzukaufen (fuer die Zugfahrt) und einzuchecken etc.

Heute ist Heritag-Day d.h. ein Feiertag, den auch der Kanadier nicht immer kennt. Trotzdem verwandelt sich der Park in eine historische Wild-Westlandschaft. Am Rand davon sitze ich und treffe einen anderen Radler, der gerade seine Sachen bei der Laundry abgegeben hat und sein Rad flickt. Markus kommt aus Dessau un dist der erste deutsche Alleineradler den ich hier treffe, zudem ein cooler sympathischer Typ. Wir tauschen uns aus und erzaehlen von unseren Radlerstories von Unterwegs. Da er in die Richtung faehrt aus der ich komme, gebe ich einige Routentipps und muss leider bald wieder los um rechtzeitig am HBF zu sein. Am Bahnhof treffe ich Claudio und Anina wieder. Gemeinsam und doch getrennt (First class/ Economy Class) fahren wir die naechsten 3 (4) Tage nach Toronto. Abfahrt ist um 17.30 Uhr: Der „Canadien“ – so heisst der Zug der die Strecke Vancouver – Jasper faehrt – rollt puenktlich ab. Die ersten Stunden fahert er durch spektakulaere Rocky Maountainslandschaften und man hat gute Chancen vom Zug aus Tiere zu sehen. Ein bisschen fuehlt es sich an wie in der Europa-Park-Milkabahn: nur ist hier eben alles echt! Im Gegensatz zur First Class heisst Economy- class: kein warmes Essen, keine Duschen, teurer Kiosk, kein Bett, 3 Wagons, 1 Aussichtswagen mit Glasfenstern oben und guter Sicht etc. Als ich Claudio und Anina in ihren rollenden Gemaechern besuchen will, merke ich den schnell den Klassenunterschied: Die lassen mich nicht durch! Die Economies muessen also in ihren 3 von 25 Wagons bleiben, waehrend die First Class uneingeschraenkte Laufwege einheimst. Zudem kriegen die Cracker, Obst und Kaffe zu jeder Uhrzeit umsonst. Von den wirklich leckeren Menues, dreimal am Tag eine 4er Menueauswahl, ganz zu schweigen! Fuer mich – jedenfalls zu anfang – kein Problem, ich hatte ja gut eingekauft. Um vor dem Abchecken des Kiosk den Heisshunger und damit den Kaufdrang etwas zu minimieren packe ichmein Essen aus. Meine heimatliche Liebe zur Region, die geballte Schwarzwaldpower, bringe ich damit zum ausdruck, indem ich gleich zu Beginn der Reise mit einem Leberwurschtbrot mit Senf eine deutliche duftmarke setze. Motto: „Ein kleiner Biss fuer mich, ein grosser fuer das ganze Abteil!“
Nirgendwo steht ein Schild dass einheimische Speisen in diesem Zug verboten sind und das ist gut so. Getoppt werde ich uebrigens nur noch vom Japaner. Zwei Tage spaeter sitzt die japanische Familie gerochenede 4 Stunden zu Tisch. Es gibt natuerlich Reis mit – Fisch! Sie zerlegen tatsaechlich eine ganze Forelle fuer das ganze Abteil!

Der Canadien ist gemuetlich unterwegs, vergleichbar mit der Breisgau-S-Bahn (kein Scherz!). An schoenen Stellen macht er extra langsam, ab und zu informiert der Kommentator ueber die hiesige Tierwelt und 500 Seelendoerfer. Wir Economieler vertreiben uns die Zeit mit Karten spielen, lesen, reden, Fenster gucken etc.
Die Atmosphaere ist super, fast familiaer, die Beine danken es !

02/08/20111

Tag 35 – ZUG

Am naechsten Abend habenwir 3 Stunden Aufenthalt in Winnipeg, Gelegenheit fuer Claudio, Anina und mich den Skatepark anzuschauen und (mir) Nachschub zu kaufen. Leider hat kein Laden mehr offen und ich komme auch so, mit einer kleinen Brotspende, gut hin. Wichtiger ist, dass das die optimale Gelegenheit ist, dem Proletariat die Moeglichkeit zu erschleichen die heiligen Gemaecher der First Class zu besichtigen. Gemeinsam schleusen wir mich rein und verbringen den Abend mit Bier, Whiskey (mitgenommen), Cracker, Kaffee und Muffins im Aussichtswagen der First Class. Das Schlaraffenland laesst gruessen an dieser Stelle.
Bei meiner Rueckreise in die Economy-Class(man laeuft etwa 15 min durch den Zug!) habe ich ein mulmiges Gefuehl, geht aber alles gut.

03/08/2011

Tag 36

Am naechsten Tag wird ein Fahrgast vermisst. Der Zug haelt und wartet schlappe 45 min bis der mit dem Auto zum BF gefahren wurde. In der Economy- Class treffe ich exotische Charaktere:
Anfangs lustig, ist ein aelterer Herr der sowohl indisch als auch arabisch spricht und von den Vancouver Islands kommt. Ohne ins Detail zu gehen wird er im Verlauf der Zugfahrt fuer Andere jedoch mehr `anstrengend` als `unterhaltsam`. Zumal sein Hosenladen aus Prinzip offen zu stehen scheint. Seine kongeniale Partnerin aus Montreal wuerde ihre Camera-Bilder am liebsten allen Zugreisenden unter die Nase kleben. Ihre Lebensgeschichte erzaehlt sie auch gerne nachts um 23 Uhr, kein Problem. Es macht auch nichts, wenn ihr Gespraechspartner in der Zwischenzeit eingeschlafen ist! Economy- Class ist eben nichts fuer Langweiler!

04/08/2011

- Tag 37 –

Nachdem mich der Schaffner von meinem Nest, d.h. ein aus einem Vierersitz und ausgeklappten Fussablagen ummodelliertes Bett, verscheucht hat, geniesse ich die Nacht wieder in der Embryostellung: Kurz und schmerzvoll. Mit den ersten Sonnenstrahlen ist die schlechtschlafende Economy wach und … nein, noch nicht in Toronto. Als ich aus dem Fenster schaue, sieht es dort genauso aus wie gestern Nacht als ich eingeschlafen bin. Der Zug steht – nach ca. 7 Stunden – tatsaechlich noch am selben Platz! Ein um Ruhe bemuehter Zugchef versucht ueber die Lautsprecher zu informieren: Bei einem Zug vor uns sind Achsen gebrochen, ein Spezialteil muss per Schiff nach Thunder Bay und von dort zum Zug transportiert werden – die Maschinenleute sind vor Ort, muessen aber nach 12 Stunden Fahrt erstmal schlafen! Nach 10 Stunden Warterei fordert die Economy lautstark „Coffee and Dinner for free!“.

In den Diskussionen der Economy-Class faellt nicht nur einmal der Titanic-Vergleich: Trotzdem versuchen das hier alle mit Humor zu nehmen. Kaum vorstellbar was in einem solchen Fall in Deutschland los waere! Unsere Rebellion wird gehoert: Es gibt ab 7.30 Uhr Coffee free auch fuer die Economy! Am selben Abend gibt’s dann auch das Dinner for Free: Lachs mit Bohnen und Kartoffelcreme. Den noetigen Rotwein dazu teile ich mir mit dem Hosenladenmensch. Ich sitze naemlich postwendend mit den zwei Entertainern am Tisch.

Mit schlappen 16 Stunden Verspaetung kommt unser Zug statt um 9 Uhr frueh nachts um 1.30 Uhr in Toronto an. Via Rail uebernimmt bereits reservierte Hotelkosten etc. und generiert einen Credit in Hoehe der Fahrkarte. Weil ich den nicht bar ausgezahlt bekomme, kann ich aber irgendwann mal eine Strecke mit dem Zug machen. So oder so, diese Zugfahrt lohnt sich!

Nachdem die Raeder unversehrt geliefert werden, packen Claudio, Anina und Ich zusammen und verbringen die Restnacht im Tim Horton’s gegenueber des Bahnhofs. Der Wachmann laedt mich hier auf Kaffee und Cookie ein und der Homeless-Boy bewacht mein Rad, nachdem er mit mir ueber Juergen Klinsmann geschaermt hat. Welcome in Toronto!

05/08/2011

- Tag 39 -

„Big City Life!“ Nach der Verabschiedung von Claudio und Anina, die weiter Richtung Montreal fahren und die Gemuetlichkeit des Zugfahrens auch nach vier Tagen noch lieben, gehe ich einkaufen und fruehstuecke irgendwo am Hafen. Anschliessend muss ich ein paar Dinge erledigen und merke schnell, dass mich das in dieser Stadt auf die Probe stellt. Aus der Wildnis kommend, ist Toronto – das sie in Vancouver das „Wannabe New York“ genannt haben, das komplette Gegenteil: Gross, laut, unuebersichtlich, anstregend. Mit meinem quergelegten Kanusack mit ich gefuehlte 2 Meter breit, trotzdessen bin ich mittlerweile ein gewievter Slalomfahrer. Der Parkour besteht aus Taxis, Bussen, Trucks, Ampeln etc. Vor dem Information Centre spricht mich eine extrem fittaussehende Kanaderin an. Eine Frau, der man den Triathlon in den Beinen ansieht und die mit dem Fahrrad und der Gegend gut vertraut ist! Mit ihr bespreche ich meine moegliche Route nach den Niagara Falls. Direkt danach fraegt mich eine Lady ob sie ein Foto von mir machen kann. Sie spielt in einer Band und kommt demnaechst auch nach Berlin und Hamburg. Als Dank (keine Ahnung fuer was) packt sie eine ihrer Band-Cd’s aus und schenkt sie mir. [Hab sie leider bis dato noch nicht hoeren koennen!]

Von der Stadt bearbeitet fluechte ich in die ruhigeren Gegenden der Stadt: Das Studentenviertel, das hier riesig zu sein scheint. Toronto hat so viele Studenten wie Freiburg Einwohner. In einem Park, indem neben mir Kunststudentinnen kreativ sind, fuehle ich mich wohl und koche – was dringend notwendig ist. Als ich mittendrin bin, spricht mich Josh an. Joseph ist Informatiker bei einer Bank, arbeitet zu Hause und fluechtet gerade vor dem Stromausfall. Er koennte sich gut vorstellen im europaeischen, deutschsprachigen Raum zu arbeiten und spricht „ein bisschen Deutsch“. Das „ein bisschen“ ist deutlich untertrieben, denn er hat teilweise echt krasse deutsche Zitate und Lieder im Petto. Nenebei kennt er die deutsche Geschichte vielleicht besser als ich. Wir kommen ins Gespraech und er laedt mich ein bei ihm zu uebernachten – und nicht nur das! Ich kann bei ihm auch duschen und waschen (ueberfaellig!). Weil er sich sehr fuer die deutsche sprache interssiert und sie lernen will, hat unser Meeting auch etwas von einem Sprachtandem. Joseph ruft zwei Freunde von sich an und kurz darauf sitzen wir zu viert auf seiner Couch. „Mr. Second Voice“ – der hier liebevoll beim Nachnamen, „der Reusser“ genannt wird – kommt aus Kitchener und singt zu Joe’s Okulele oder Radiosongs die zweite Stimme. Und wie! Joe spielt auf einer nur dreiseitigen Okulele Chansons oder schoene deutsche Lieder (von damals) und pruegelt alle tausend Strophen von „Lilly Marleen“ aus seinem Gedaechtnis. Waehrend wir zwischendurch die Stimmen mit Whiskey auf Eis oelen, reden wir ueber dies und das. Viele haben hier deutsche Vorfahren, die Gegend um ‚Kitchener‘ (frueher hiess die Stadt Berlin hat sogar ein eigenes Oktoberfest) und ‚Olde-Heidelberg‘ (!) beweist das. Leider ist Olde-Heidelberg zu weit weg, zu gerne haette ich das Ortsschild fotografiert. Vom Iced Whiskey gehts direkt zum Bier in einer Kneipe ums Eck. Zum Glueck zu Fuss! Der „Stammtisch“ ist gut bei Laune und ich das zweite Mal richtig weg. Nebenbei gleicht die Blurstreet einem Catwalk: Die „FELBI- Dichte“ steigt hier expotenziell. Weil ich noch Waesche im Dryer habe und letzte Nacht nicht geschlafen habe, gehen wir drei gegen 22. Uhr zurueck. Josh preist Steaks an und ich erklare ihm das deutsche Wort „Fresswolf“ (engl. ‚muchies‘). In der Pfanne liegen drei gewaltige Steaks – das „Rudel Woelfe hat Hunger (Joseph)“! Wo ich beim Steakbraten etwas zu unkanadisch bin, hilft Mr. Second Voice mit 5 Liter Sosse nach. Nebenbei singt er die Zweitstimme zu gutem Rock ‚n Roll. Zum Nachtisch gibt’s Kirschen, Schokolade und Dips – mehr als die Grundlage fuer den naechsten Tag!

06/08/2011

- Tag 40 -

Um 6.45 Uhr klingelt der wideraufgeladene Wecker. Heute ist Sonntag, Joe und zwei Freunde wollen frueh zu ihrer woechentlichen Tour aufbrechen und ich muss Richtung Niagara Falls in dieselbe. Wir treffen die zwei an einer Strassenecke und fahren – auf einem supergeteerten, schoenen Waterfront Trail – circa 30 km zusammen. Zwischendurch gibt’s Kaffee und Fruehstueck fuer die gemuetliche Radlerseele. In – Name gerade vergessen – verabschiede ich mich von Joe und den zwei Anderen und radle guter Dinge ueber meine doch nicht verlorenen Radhandschuhe alleine weiter. Es war ein super Abend, und Joe ist vermutlich der beste Gastgeber in ganz Toronto. Dagegen ist die TouringCyclistspage Warmshowers.org die kleine Schwester! [Nochmal ein GROSSES Dankeschoen an Dich an dieser Stelle!]

Im kleinen aber feinen Ort Oakville rolle ich quer durch das gerade stattfindende Jazz-Festival und frische meinen Bestand an Kontaktlinsen auf. Nur so komme ich wieder in den Genuss der Powersunglases und die brauche ich die naechsten Tage. Mittags ist es hier bruetend heiss und schon am naechsten Tag stelle ich meinen Tages-Rad-Rhythmus komplett um. Geradelt wird an diesem Tag nur noch von 7.30 – 13.00 und erst wieder von 17.00 bis 21.00 Uhr. Zwischendrin geht nur Siesta und im besten Fall in den See springen. Kurz vor Hamilton komme ich in einen mittleren Regenschauer, halte an und mache Mittagessen. Im sitzen nicke ich ein und bekomme die Quittung fuer die letzten beiden Naechte. Da ich mich kaum noch auf dem Rad balancieren kann, peile ich die naechstgute Schlafstelle an und finde einen alten, verlassenen Ex- Campingplatz. Ohne Abendbrot und Gute- Nachtlied geht’s … RRRrggghhh.

07/08/2011

- Tag 41 –

Um 7.00 Uhr wache ich auf und muss mal wieder feststellen dass mein Zelt nass ist. Zum Porrigeessen kommen auch noch ungebetene Gaeste: Parkranger. Die Rangerin ist aber kaum alter als ich und ich habe Glueck. Ich packe zusammen, will losfahren und habe den naechsten Platten. Zudem ist es warm, ich schwitze und klebe – natuerlich fanegt es an zu regnen. Alles in Allem ein typischer Fehlstart. Ein mal wieder nicht bestellter Cocktail der ‚Augen zu und durch‘ ruft. Nachdem ich (Rezzo) Schlauch zweimal geflickt habe, fahre ich vorbei an einem gerade beendeten Triathlon und halte Ausschau nach dem besten Triathlonrad. Auf der Triathlonrennstrecke geht’s auf der Weinstrasse vorbei an Farms, Yachten und Reben in Richtung Niagara-on-the-Lake. N-o-t-L wurde mir empfohlen, weil es historische Bedeutung hat und sehr schoen sein soll. Als ich ankomme, bin ich nach 80 km bei 35 Grad und nix an Luftfeuchtigkeit allerdings so verschwitzt und kaputt, dass ich erstmal in den ersten Laden renne und mir den Kuehlschrank von innen anschaue. Danach fahre ich das Staedchen ab und freue mich ueber einen kleinen Badestrand am See. Endlich! Mit Blick auf Fort Niagaara auf USA – Seite kraule ich das Salz weg und wasche nebenbei meine Klamotten.
Als ich aufbreche, ruft mir ein Typ im Caprio bei einer gerade von rot auf gruen switchenden Ampel seine Adresse zu. Ich freue mich ueber die Einladung und … hab die Adresse schon nicht mehr ganz im Kopf. Das was ich mir behalten habe steuere ich an, leider gibt es diese Nummer hier aber nicht. Ich fahre – bei nun deutlich kuehleren und angenehmeren Temperaturen – im Unterhemd weiter und halte nur noch um mir an einem der zig Staende „Local Tomatos“ aufzuschnallen. Weiter, weiter und immer weiter rolle ich, in der Hoffnung auf eine abendliche Badestelle am Fluss, auf dem gut zu fahrenden Niagara River Trail in Richtung Niagara Falls. Da der Trail aber ueber weite Strecken nicht direkt am Niagara River entlangfuehrt, finde ich bis kurz vor „den Falls“ keinen geeigneten Platz. Schliesslich ist ein grosser und gruener botanischer Garten gerade gut genug fuer mich und mein hellgruenes Vaude-Tarnzelt. Im Dunkeln baue ich mein Zelt an einer guten Stelle auf und verzichte an diesem Abend auf ein warmes Essen. Nach dann doch noch 125 km an diesem Tag haben auch die Moskitos beim Zeltaubau mir gegenueber keine Gnade – mein fehlendes Abendbad ist ihre „All-you-can-eat-Party“.

08/08/2011

- Tag 42 –

Am naechsten Morgen muss es wieder schnell gehen: Bevor die Hunde in den Park machen und die Gaertner ihren heiligen Garten giessen bin ich schon auf dem Rad und fahre in Niagara Falls. Unterwegs halte ich zum Morgenkafee am – zu dieser Uhrzeit und fuer diesen Tag letzten ruhigen Moment. In der Hoffnung den Massen zu entgehen bin ich meiner Rechnung nach voll im Zeitplan und liege damit falsch. Die ersten Touristenbusse parken schon und ich muss mich mit den ersten Bildern beeilen um nicht lauter Tourimuetzen am unteren Bildrand zu haben. Der Lonely Planet schreibt: „Die Faelle sind trotz menschlicher Verschandelung immernoch einzigartig und gigantisch“ und wuerde das so unterschreiben. Die zig Busse und Touristen, die Leuchtreklamen und nicht zuletzt die zwei riesigen Hotels in unmittelbarer Naehe nehmen den Niagara Falls zwar ihre Natur, nicht aber ihre beeindruckende Wasserkraft. Nachdem ich mit einem aelteren Kanadier asiatische Touris beraten habe wie sie am besten ihr Familienbild schiessen, empfiehlt er mir die „Bootstour“. Die ist bezahlbar und naeher kommt man an die Falle auch nicht ran. Ich schliesse mein Rad an , ziehe mir wie alle Anderen ein witziges Regencape – ein Hauch von Nichts, an und gehe an Bord. Das Schiff fahert tatsaechlich nah ran und wenn der Wind entsprechend mitspielt siehst du fuer 2 Minuten nichts ausser „weisse Gicht“ und „Wassertropfen“. Brillentraeger denken an dieser Stelle sie waeren bereits im Himmel! Wahrend der gesamten Fahrt stehe ich wie Ahab an der Reling und geniesse meine Gratis Dusche. Eine Gruppe wasserscheuer Tierfelltraegerinnen tut mir in diesem Moment etwas leid: Sie haben fuer eine Bootstour bezahlt, werden dabei auch noch nass und stehen nun dichtgedraengt in der Mitte des Bootes von wo aus man gar nichts sieht. In dieser Stadt gibt es nichts kostenlos – ausser die schlechte Laune. Die Bootscrew ist z.t. juenger als ich und liest wahrend der Tour ohne dabei aus dem Fenster zu sehen. Ich kanns ihr nicht veruebeln. Ueberhaupt bekommt man hier den Eindruck, dass die Falls die ganze Stadt, bzw. die ganze Region, berufstaetig machen. Bei Starbucks trinke ich (leider) einen Eiskaffee und fahre anschliessend, ohne mir die „Stadt“ naeher anzuschauen zum Bahnhof. Von hier aus will ich mit dem Zug Richtung Kingston, allerdings hat der Bahnhof geschlossen. Ich vertreibe mir die 5 h bis zur Oeffnungszeit (19.00 Uhr – 20.30 Uhr) um dann gesagt zu bekommen, dass heute nur noch ein Zug faehrt und der bestimmt kein Fahrrad mitnehmen kann. Vermutlich wuerde er unter dem Gewicht meines Fahrrades zusammenbrechen …

Man faehrt eben doch einfacher mit dem Bus hier. Als der Typ hinter dem Schalter aber auch abwinkt und mit mir nur in Ein-Wort-Saetzen spricht, werde ich etwas ungeduldig und bekomme das erste Mal Streit. Ich muesse eine andere Busgesellschaft nehmen, wo ich diese aber finde, will er mir irgendwie nicht verraten. Ein Paerchen hat Mitleid mit mir und zeigt mir die Nummer im Telefonbuch. Um 21 Uhr geht der Bus – mit meinem Rad vorne auf dem Radtraeger (und nur einer Sicherung!) – nach Toronto. Da ich heute Nacht weiter leider nicht mehr komme, wird die Schlafplatzsuche spaet und nicht einfach werden. Ich steige extra eine Station vor der Union aus und bin statt in einem kleinen Park inmitten von Pferdestaellen. Vermutlich ist hier eine Art Riesenrennbahn, keine Ahnung. Es ist dunkel und ich bin muede. Nach einer (langeren) Weile finde ich einen schoenen Park und ein nettes Plaetzchen und lege mich hin (ohne Zelt). In der vierstuendigen Nacht wache ich einmal auf, weil ich irgendwas im Gesicht habe. Es war – wirklich wahr – ein Waschbaerschwanz, der an mein verschlossenes Essen wollte. Ich sehe ihn auf den naechsten Baum fluechten und kann die naechste halbe Stunde nicht mehr einschlafen.

09/08/2011

- Tag 43 –

Mit den ersten Joggern bin ich wach und raueme das Feld. Als ich vor paar Tagen hier war hab ich ein nettes Studentencafe in Uninaehe gesehen und genau dorthin fahre ich. Waehrend es die naechsten zwei Stunden durchregnet, schreibe ich und trinke endlich wieder guten Kaffee. Anschliessend fahre ich durch China town zum Bahnhof. Die Zuege mit Radmitnahme nach Kingston sind fuer heute alle raus, ich kriege aber noch einen nach Oshawa. Somit verwerfe ich den Plan mit dem Zug nach Kinsgton zu fahren wieder, fahre nur nach Oshawa und dann mit dem Rad weiter nach Kingston. Oshawa ist ein komischer Ort: Ich suche erst die Innenstadt und dann zwei Stunden (!) lang einen vernuenftigen Laden der mir Kaese, eine frische Gurke und Brot verkaufen kann. Halb verhungert und deprimiert von einer Geisterstadt komme ich in einen Metro, in dem ich durch eine Allee aus frischer Calamares und einer pyramidenfoermig aufgeschichteter Fleischplatte muss. Ich schliesse die Augen, die Nase und den Mund, laufe durch die hohle Gasse und angel mir das Tuetenpesto aus dem Regal.

Anschliessend breite ich mich auf einer Wiese, keine 50 Meter vom Parkplatz entfernt, aus und geniesse die eingekaufte Vielfalt. Die Sonne kommt zurueck und ich habe doch noch einen versoehnlichen Abend. Ich fahre noch bis Durlington und folge der Einladung des Provincial Parks: Ein superschoener Platz mit Shelter, Toiletten und Wasserstelle – und alles ohne ein Verbotsschild.

10/08/2011

- Tag 44 -

Die Sonne weckt mich und ich setze motiviert zum Kafeekochen an, als mich eine gutaussehende Stimme mit einem guten Morgen begruesst. Danach folgt: „Dieser Platz ist reserviert fuer ein heutiges Kids-Camp, Beginn ist um 9 Uhr“. Ich gucke verschlafen auf die Uhr – und hab noch 20 Minuten. Mit einem sehr schnellen Kaffee ziehe ich mit den ersten spielenden Kindern um und trockne mein Zelt 100 Meter weiter links. Der an mir vorbeifahrende Parkranger gruesst hoeflich zum Erdnussbutterbrot, das Stimmungsbarometer zeigt fuer heute positiv an. Ich fahre los und folge dem Waterfronttrail so gut es geht. Das ist manchmal gar nicht so einfach weil Waterfront nicht immer Waterfront ist und die fehlenden Schilder oftmals deine Orientierungsfaehigkeit pruefen. Landschaftlich ist das hier eher Marke „normal“, zumal wenn man gerade aus BC/Alberta kommt. Vom wilden, weiten, wundervollen BC ueber das amerikanische Toronto, von der Plastikkulisse Niagara an der Industrie Ontarios vorbei, wird es allmaehlich dennoch wieder attraktiver. Im Port Hope suche ich nach dem Hafen der Hoffnung und finde den Regen. In einem kleinen Cafe mache ich bei zwei guten Kafees (einem kostenlosen Refill inklusive) Regenpause, schreibe und unterhalte mich mit drei ebenso pausierenden Radlern. Im Hintergrund laueft Edith Piaf und ich freue mich innerlich auf Quebec City, von dieser Stadt schwaermen sie hier alle.

Gegen Mittag komme ich irgendwie von meiner Route ab und muss unnoetigerweise mit einer bergigen und gemeinen Hinterlandstrasse kaempfen. Es gibt nur diese eine Strasse, umkehren waere inzwischen deutlich laenger, mein Reifen ist nicht mehr ganz aufgepumpt – das Radfahren war schon schoener. Als ich einen Postboten im Auto anhalte und nach dem Weg frage, meint er: „I‘m lost, too“ – das beruhigt mich irgendwie und senkt den Blutdruck. Wenigstens weiss er wie es fuer mich weitergeht und ich bin hier draussen nicht alleine. Den Highway 2 wiedergefunden, fahre ich in gutem Tempo – einen supergeteerter kleinen Highway – in Richtung Tagesziel: Presqu‘ile. Presqu‘ile sieht schon auf der Landkarte schoen aus und ist – wie man bei diesem Namen vermuten darf – eine Halbinsel mit Campingplaetzen und Sandstraenden. Ich passiere die Parkstelle nicht ohne nach dem Campgroundpreis zu fragen und bin automatisch in einer miesen Komoedie gelandet: Bei der Antwort „40 $“ muss ich grinsen, weil ich genau weiss, dass das heute eine Nacht am Strand wird – aber nicht zu diesem Preis. Zum zweiten Strand biege ich links ab und ja, Sandstrand, Wellen, Sonne und Moewen(pick) gibt es auch in Canada. Nach dem ausgiebigen Wellenbad will eine Frau neben mir ihre Kinder zurueckpfeifen, bringt aber keinen Ton raus. Was wie eine Trockenuebung aussah, war aber durchaus ernst gemeint – allerdings uebertoent der Wind auch mein Pfeifen. Wie es der Zufall will kommen wir ins Gespraech: Jaqueline (so heisst sie halt wirklich) kommt aus Montreal und ist mit ihrer Pfadfindergruppe auf einer Art Sommerlager. Das Blut BP`s verbindet uns und sie laden mich ein bei ihnen auf dem Campsite zu uebernachten – und nicht nur das. Was bei uns ein einmaliges Versprechensessen waere, ist hier das alltaegliche Brot: Wraps mit Poulet und allem Moeglichen, Saefte und last but not … flambierte Marshmellows an Schokoladenschmelze im Keks! Waehrend ich esse, loechern sie mich nacheinander oder gerne auch polyphon mit Fragen und ich antworte hoeflich wenn ich kann, d.h. zwischen den Schluckphasen. Wir klaeren die (pfadfinderischen) Gemeinsamkeiten und Unterschiede und es tut gut, auch ohne richtig zu ihrer Gruppe dazuzugehoeren, ohne Anstrengung automatisch schon ein Teil davon zu sein.

Die Fragen gleichen denen, die mir nahezu taeglich gestellt werden und die ich mittlerweile, auch nachts um vier, in perfektem Englisch beantworten kann.

Platz 1: Where are you heading (today or in general) … or crossing canada … where do you come from …
Platz 2: You did the whole way by bike …
Platz 3: You`re going all by yourself …
Platz 4: And your parents … aren`t they worried about you …
Platz 5: How many k`s you`re doing on a day …
Platz 6: And if it`s raining … you`re camping …
Platz 7: Have you ever been lost …
Platz 8: Have you planed it all by yourself … how long …
Platz 9: So, the plan was to do it all by yourself, since the beginings …
Platz 10: Are you crazy …

Nach ungewohnten fuenf Gaengen verabschiede ich mich und passe gerade so durch den Zelteingang.

11/08/2011

- Tag 45 -

Als ich aus dem Zelt steige, sitzt der Chefscout (Leiter) bereits im Van, raucht und checkt per I-phone die Lage der Nation. Soviel zu den pfadfinderischen Unterschieden … Ich darf auf ihrem Kocher mein Porrige kochen, wir tauschen Adressen aus und der Chefscout weckt die Jungs zum Abschiedsfoto. Danach verabschiede ich mich und verfahre mich noch auf dem Campground. Die Gruppe erzaehlte mir von Sandduenen und einem Sandstrand, die sowieso auf meiner Route liegen und ich muss nicht lange ueberlegen um mein Tagesziel entsprechend neu auszurufen: Sandbanks. Auf der Prince – Edward – County – Halbinsel sind die Strassen nach wie vor in einem Topzustand und es macht hier wirklich Spass zu radeln. Thom Yorke und Radiohead treiben mich ueber die Seeuferlandstrasse und erst James Blake faengt mich wieder ein. In Blumfield stosse ich auf den sympathischsten Radladen (samt Besitzer) den ich bisher angetroffen habe. Ohne die Message des geknipsten Fotos vorwegzunehmen, wuerden Laden und Besitzer auch problemlos zwischen unsere Freiburger Gaessle passen! Er gibt mir gute Tipps fuer ruhige Radwege und fuellt ohne dass ich fragen muss meine Radflaschen mit Wasser auf. An den Sandbanks angekommen, koennen die mit ihren europaeischen Pendants ganz und gar nicht mithalten -der Sandstrand und die Wellen sehen darueber aber hinweg. Zumal bei 38 Grad und nach einem 90 km – Ritt.

Erst zur Schlafplatzsuche verlasse ich den Strand wieder und baue mein Zelt, nach dem der Umsonst-Schlaf-Tipp vom Radladen total Banane war, hinter einem nicht bewohnten Haus auf. Nach dem Nachtbad koche ich im Dunkeln und bin endlich mal muede vom Wellenreiten – und nicht vom Radeln.

12/08/2011

- Tag 46 –

Da ich kein Wasser habe, muss ich fuer den ersten Kaffee erst die6 km nach Picton fahren. Dafuer gibt`s hier aber die bisher beste Bibliothek: free internet, unlimited! Anschliessend fahre ich mit der Faehre fuer umsonst ans andere Ufer und mit dem Rad weiter nach Kingston. Kingston empfaengt mich erst mit der hier ueblichen Autoindustrie, Motels, etc. und wird dann zunehmend historischer und studentischer. Ich esse am Abend zu Mittag und hoere nebenbei zwei Gitarrenspielern zu. Der Touri-Informer empfiehlt mir einen Platz in einem Park etwas ausserhalb und ich fahre gegen die Dunkelheit dorthin. Auf der Suche treffe ich Alan und Hund Matti. Alan ist ein durch und durch 75-jaehriger Brite, lebt aber seit 1975 mit Frau Judith in Canada. Er laedt mich zu sich ein und ich versuche nach einem langen Tag seiner Heckscheibe zo folgen. Nach 10 km biegt er ab und zeigt mir einen supergepflegten `englischen Rasen`. Ich dusche, gebe ihm meine Sachen fuer die Waschmaschine und bekomme ein Glas frische Milch (!) Anschliessend bin ich auserwaehlt um in seinem Fernsehsessel mit ausfahrbarer Fussablage mit ihm und Judith das Ende von „Troja“ auf einem Riesenbildschirm zu schauen. Er zeigt mir Fotos von damals und wir reden ueber Vieles. Judith ist dement, Alan hat mir aber kurz vorher erklaert wie ich mit ihr umgehen kann. Ich verabschiede mich und schlafe zaun- und tiergeschuetzt sehr sehr gut.

13/08/2011

- Tag 47 –

Am naechsten Morgen wecken mich Alan und Hund. Bevor er mit Matti aus geht, schlaegt er mir vor mich mit dem Auto nach Kingston zum Infocentre zu fahren und anschliessend weiter nach Guananque, von hier aus startet eine Bootstour zu den `Thousands Islands`(Inselgruppe im St. Lawrence River). Die Sunset-Ceremony, eine orginalkostuemierte Nachstellung der Schlachten um Fort Wellington, findet heute leider doch nicht statt. Wir fahren weiter bis nach Guananoque und auch hier sind mir 40 $ fuer die Bootstour doch etwas zu viel. Er meint aber ich muesse das machen und will mir 30$ geben. Nach zweimaligem Ablehnen nehme ich doch an und gehe – ein bisschen auch ihm zuliebe – an Bord des Touribootes. Noch als das Boot steht, wird hier bereits gekauft, geraucht und gegessen. Ich merke schnell dass ich es hier nur ganz hinten am Heck und mit sanfter Musik im Ohr aushalte: Amèlie-Soundtrack, Lukas sei dank. Vorbei an etlichen kleinen und schoenen Inseln, auf denen z.t. nur ein Haus steht, zeigen hier die reichen Leute was sie sich leisten koennen. Waehrend die z.t. richtig dicken Leute an Bord zum Lunch an Deck 1 gerufen werden und alle an mir vorbei muessen (was nicht leicht ist), wuerde ich am liebsten vom 3er Deck ins Wasser springen. Nach 2,5 h wird es Zeit wieder an Land zu gehen und ich muss mich erstmal 30 min auf die Parkbank legen.

Alan, Judith und Matti holen mich wieder mit dem Auto ab und wir fahren heim. Auf der Fahrt fraegt Judith alle 2 Minuten wo wir sind und Alan antwortet ihr jedes Mal in erstaunlich geduldiger und bewundernswerter Art und Weise. Er waehlt jedes Mal andere Worte und fuer mich baut er noch eine Brise britischen Humor mit ein – damit es auch fuer mich lustig bleibt, wie er sagt. Weil ich noch am Abend weiterfahren will, muss ich seine fuer mich mitgedachten Plaene leider ablehnen und packe zusammen. Er repariert mir mein Schutzblech und waermt mir in der Mikrowelle ein Irgendetwas auf. Danach mache ich per Stativ ein Foto von uns vier, bedanke mich fuer alles was sie fuer mich getan haben und verabschiede mich von ihnen. Alan meinte nur: “ It was a pleasure, a wonderful change to have you here.“ Als ich gehe, hat er fast Traenen in den Augen und auch mir faellt dieser Abschied richtig schwer.

Ich fahre wieder bis nach Guananoque, diesmal mit dem Rad, und halte an einem kleinen Spot zum St. Lorenzstrom. Im Halbdunkeln baue ich mein Zelt auf, koche Kartoffelbrei mit Wuerschtle und bin nicht alleine hier. Eine Familie macht nebenan Lagerfeuer und geniesst mit mir den ruhigen Flussblick. Als die Familie weg ist, grille ich die restlichen zwei und bin, im frueheren Irokesenland,ganz der Irokese – bis auf die Frisur.

14/08/2011

- Tag 48 -

Fuer das Gelaende hier schlafe ich ueberrraschend lange: 8.30 Uhr. Weil`s an dem Spot nichts anderes gab, steht das Zelt bergauf und ich habe diese Nacht nicht ganz in der Waagerechten verbringen koennen – der Ruecken macht sich bemerkbar. Dafuer gibt`s heute frueh allerdings leckere Blaubeerkekse zum Kaffee mit Flussblick. Ich fahre immer weiter den St. Lawrence River flussaufwaerts und mache mittags Halt an einem Sandstrand. Hier gibt`s Kartollelbrei, Reggae aus nem Reisebus und die notwendige Abkuehlung. Anschliessend sehe ich zwei Radler vor mir, Jean-Yves und Odette, und fahre `das Loch zu`. Das ist extrem anstrengend weil die beiden a) mit Carbonrennraeder unterwegs sind, b) einer Laufmannschaft angehoeren und c) mein linkes Bein einen Totalausfall hat. Radeln geht nur noch unter der Schmerzgrenze (aka. Rentnerstyle), laufen geht fast gar nicht mehr weil ich das Bein nicht mehr strecken kann. Bloederweise war mein Sattel zwei Tage falsch eingestellt und ich hatte keine Moeglichkeit (bzw. keinen passenden Imbus) das zu richten. Alles was jenseits des Km/h – Durchschnitts ist tut weh und ich bekomme ein gutes Gespuer dafuer wenn es bei der Tour de France heisst: “ er muss abreissen lassen“. Speziell in diesem Zustand ist es schoen hinter Odette im Windschatten fahren zu koennen.

Ich beschliesse (werde entschlossen), dass ich die naechsten zwei Tage ruhiger angehe und rolle nur fuer einen Ortswechsel insgesamt 25 km. Wo ich den Abend verbracht habe, faellt mir gerade gar nicht mehr ein … sagen wir einfach Ontario/irgendwo am Ufer des St. Lorenzo. Ach doch, ich finde einen Park fuer Angestellte eines Kraftwerkes und begruesse das vorhandene Shelter bei bewolktem Himmel und startendem Regen sehr. Ich baue auf, nehme ein kurzes Bad, koche – nicht ohne Moskitospray – im Zeltvorbau und lese noch etwas.

15/08/2011

- Tag 49 –

Zum Fruehstueck ziehe ich – wie so oft – ins Shelter um. Hier kann ich immer noch sagen:“ Bin nur auf der Durchreise und trockne hier mein Zelt“ ( auch um 7.30 Uhr morgens). Jean-Yves und Odette fahren vorbei bzw. halten fuer ein kurzes Gespraech an. Alle sind sich einig: Heute ist ein „Slow-day“. Ich fahre beinschonend nur zum naechsten Campground (Johnstown) und mache Wellnessprogramm, d.h. ich geniesse die warme Dusche (fuer 1 Extra$). Weil ich nur wenig Gas habe und ich die Nudeln nicht roh essen will koche ich heute auf Feuer; es gibt gute Pasta mit Thunfisch und Gurke. Wer auf dem Feuer kocht muss hinterher auch Topfschrubben. Wer bei den Pfadfinder oefters nicht brav war, der weiss das. Stichwort: Abbrazzo. Im italienischen fuer `Umarmung` hat das hier eine ganz andere Bedeutung: Topfschrubben ist Knochenarbeit und den Schwamm kannst du danach den Hasen geben (fuer Joe: dt. Redewendung fuer `wegwerfen`). Trotzdem geniesse ich es mal mich nachts mal nicht verstecken zu muessen und schlafe gut.

16/08/2011

- Tag 50 -

Auch ohne Uhr puenktlich bin ich auf tour und freue mich alsbald ueber ein Foto vor dem Ortsschild „Iroquois“. Danach halte ich kurz im Upper Canada Village, einem historischen Ort und frueheren Schlachtfeld, um drei lustige Fotos zu knipsen. Der Strand am Mittag ist so veralgt dass nur die Knie was davon haben. Der Krauler (in mir) bleibt diesen Mittag leider arbeitslos. Ich bin an einem heissen Tag mit Powersonnenbrille gut unterwegs und freue mich ueber den schoensten Ontario-Abschnitt, den Long Sault Parkway. Auf diesen supergeteerten 20 km kommen mir insgesamt 4 Autos entgegen, den Rest der Zeit bin ich ganz alleine. Der Parkway verbindet 8 kleinere Inseln miteinander und ist wirklich ein Radfahrerparadis, wenn auch zu kurz. In Cornwall erwartet mich das Gegenteil von Idylle. Das Touirbuero ist in einem Gebauede der Ontario Power Generation, einem grossen Wasserkraftwerk, untergebracht. Hier kann man Turbinen etc. besichtigen, ich knipse aber lieber ein Bild des dazugehoerigen Vertrages zwischen den hier angesiedelten First Nations und den Kraftwerklern. Ueberhaupt denke ich oft darueber nach was mir die Leute hier so erzaehlen d.h. ueber das fruehere und heutige Verhaeltnis zwischen `rot und weiss`. Vermutlich passt dieses Wasserkraftwerk nicht wirklich in ihr Glaubens, – Welt,- und Landschaftsbild. Waehrend ich in Gedanken bin, rennt mir fast ein Biber vors Rad.

Den Abend verbringe ich auf einem sehr schoenen , vermutlich extra fuer mich hergerichteten, Platz ausserhalb von Cornwall. Der Platz hat neben Bauemen und dunklen Ecken auch Wasser, Feuerstelle, Akkuaufladestrom und 9 Kanus. Vermutlich ein Gemeindeplatz oder so. Ich denke 2 Sekunden daran wie toll ewaere jetzt mit einem der Kanus auf dem St. Lawrence River zu paddeln und koche doch lieber mein Essen. Zur Feier des heutigen Abends, an dem ich das neue Casper-Album anhoere das mir Jul dankenswerterweise per Zip geschickt hat, hab ich zwei Bier gekauft. Aus dem direkten Vergleich zwischen , Becks`und ,Canadian` wird nichts, weil a) beide gut schmecken und b) das Album weit wichtiger ist an diesem Abend. Ich stehe bei Sonnenuntergang am Ufer , habe Bier in der Hand und hoere das ganze Album von vorne bis hinten durch. Casper bringt die Synapsen zum Gluehen, weckt Erinnerungen und macht einfach sehr gute Musik. Ein toller Abend, an dem ich irgendwie auch gar nicht so richtig alleine war.

17/08/2011

- Tag 51 -

Am naechsten Morgen ist irgendwie etwas anders. Achja, das kleine blaue Kajak hier vor mir war gestern Nacht noch nicht hier. Da muss gestern Nacht noch oder heute sehr frueh jemand an Land sein (und mein Zelt uebersehen haben). Ich starte um 8.00 Uhr und trinke wetterbedingt irgendwo auf der Strecke Eiskaffee und 2 L kalte Cola. Als ich weiterfahre, stehen sie auf einmal vor mir: Bueffel! Direkt vor mir grast eine Herde Bueffel, allerdings ist ein Zaun dazwischen und vor mir eine Bueffelfarm. Egal, ich warte geduldige 20 Minuten bis ich den beeindruckenden Chef der Herde mit einem foto eingefangen habe. Ueber den Zaun bin ich sehr froh. Ich hab heute einen roten Umhaengebeutel die Rueckseite ist auch noch mit Ontario Power Generation bedruckt) um und keine Ahnung, vielleicht stehen die ja auch so auf `rot`wie ihre stieren Brueder aus Spanien.

Gegen Mittag ueberfahre ich (endlich) die Grenze zur Provinz Québec. Wo ich eine Zollgrenzstation oder sowas erwartet haette ist nichts und auf den ersten Blick aendert sich nicht viel. ,Peter` heisst jetzt , Pierre`,Laundry`heisst jetzt `lave-o-mat`, ich sage ,merci` (badisch: merse) statt `thanks`und bekomme ein `bienvenue`statt einem `welcome`zurueck.
Auf den zweiten Blick aendert sich doch einiges. Gleich im ersten Laden pruefe ich das Exempel und ja, es stimmt: Ein ganzes Regal voller Wein und Bier. Irgendie beruhigt mich das Gefuehl dass ich mich hier an beschissenen Regentagen notfalls einfach abseilen koennte. Den ersten Métro suche ich hungrig auf, was ein Fehler ist. Er hat hier nicht nur andere Preise sondern auch mehr frische Auswahl -wovon ich gleich Gebrauch mache. Im Touribuero decke ich mich mit 20 Landkarten (Radwege, Staedte, etc.) und dem allersrsten Nativesbuch ein und treffe einen Typen der mich gleich bei der zweiten Frage fraegt ob ich keine Freunde habe. Ich meine „Warum“ und er sagt:“ na, weil du alleine faehrst“! Ihm die Gruende, Vor- und Nachteile, Freuden und Beschwerden – auf franzoesisch – zu erlautern, dazu reicht es leider (noch) nicht. Bis auf „Le roi, c`est moi“, „C`est bon, c`est bon, géramont, géramont“ und NTM-Titel ist das Franzoesisch aber leider (wieder) weit weg.

Ich fahre an diesem Tag bis Salaberry-de-Valleyfield und werde direkt angesprochen. Gille war Wetterexperte, ist nun in Rente und hat viel Zeit fuer seine Radtouren. Er begleitet mich und wir reden waehrend dem Radeln. Im Ort ruft er seien Frau an und fraegt ob mein Besuch willkommen ist. Ich freue mich ueber das „OK“ und darf mein Zelt bei ihnen auf ihrem englischen Rasen aufschlagen. In Chouteau de Lac angekommen wartet schon das Abendessen, und was fuer eines: Antipasti, Dip-chips, Pasta, Fruechte, Bier und ein extra fuer mich geoeffneter „guter“ Rotwein! Ich dusche, gebe die Kleider in die Waschmaschine und bin im besten Hotel der Stadt. Wir reden ueber Kachelmann und co. und Gille und Monique kennen erstaunlicherweise Bielefeld (Ihre Tochter war mal da auf Austausch). Ich klaere sie auf dass es Bielefeld gar nicht gibt, wir gehen meine Route durch, sie geben mir eine Karte von ganz Québec und und und …
Gille leiht mir seine Aufpumpmatte und ich schlafe hervorragend!

18/08/2011

- Tag 52 –

Am naechsten Morgen gibt es tolles Fruehstueck und ein lustiges Missverstaendnis. Waehrend ich ueber`Jazz`rede, redet Gille vom Schachspielen und spricht `chess`…

Ich starte um 10 Uhr und stehe nach ein paar Kilometern vor einem den Weg versperrenden Baum. „Beavercut“ meint ein Typ auf dem Radweg, „vermutlich gestern Nacht“. Ich fahre Richtung Montréeal und genisse neben den tollen Radwegen hier auch die Schilder: `Festival des Crevettes`. Auch wenn ich das nicht bezahlen will/kann, freue ich mich einfach mal mit. In Montràl angekommen, fahre ich am Canal du Lachine entlang und bin in der Stadt, die 2003 zur fahrradfreundlichsten Stadt Nordamerikas gewaehlt wurde. Das Fahrradnetz ist wirklich super. Nebenbei bleibt es nicht aus, dass einem ungeahnte Einblicke in tiefergelegte Ausschnitte gezeigt werden. So komisch es klingt, Montréals Radwege sind ein Laufsteg fuer Zweiraeder! Und irgendwo hier in der Naehe muss ein Mini-Rock-Festival sein! Ich gehe fuer eine Stunde in die Bib, treffe zwei verrueckte Leute und radle zum Vieux Port runter. Statt dem hier stattfindenden Klassikfestival folgen meine Gehoergaenge einem anderen Sound: Mittendrin mixt „Mellow Dee“ Pianojazz mit Freestyle-Rapparts. Der Kulturbanause zieht das vor , zumal der Typ schon bei keiner geringeren als Miss Lauryn Hill im Vorprogramm gespielt hat und richtig gut ist! Nachdem er (viel zu frueh) fertig ist, mache ich Fotos vom Vieux Port und nehme mein Dinner dort ein ,wo nun tatsaechlich Lauryn Hill aus den Lautsprechern zu mir spricht.

Das , internationale‘ Mont- Réal empfaengt mich, gemaess seinem Namen, koeniglich. Nachts radle ich Richtung Park Mont Royale und verfahre mich total, d.h. ich fahre doppelt so weit und in die falsche Richtung. Um Punkt 24.30 Uhr wende ich und komme so um 1.00 im Park an. Auf der Schlafplatzsuche treffe ich einen Typen, der mir – crackrauchend – „den besten Schlafplatz im ganzen Park“ anweist und zeigt. Als er weg ist (aber wiederkommen will), ziehe ich um und schlafe schnell. Bis um 3.00 Uhr. Ich wache auf weil mein ganzes Zelt wackelt. Da ich mein Essen mit ins Zelt genommen habe und das am Rand lag, ist es ein Rackoon, das von aussen an mein Essensbag will. Die hier in Montreal vom vielen Muell dackelgrossen Viecher koennen sowohl das Zelt als auch die guten Ortliebtaschen runieren … Ich bewaffne mich mit einer lauten Tick-Tackdose und schlage von innen gegen die Zeltwand um es zu verjagen. Nachdem es noch zweimal ums Zelt schleicht gibt es auf und ich bin so muede, dass ich nach dieser Attacke direkt wieder einschlafe.

19/08/2011

- Tag 53 -

Nachdem ich bereits am ersten Tag am fahhradfreundlichen Canal Lachine als auch die wechselseitige Rue St. Laurent entlang gefahren bin und sowohl den Mont Royale als auch die Dekadenz des Hafens gesehen habe, beginne ich den Tag langsam. Nach dem ersten Wasserhahn im Park will ich los, aber habe direkt einen Platten. Ich flicke, was sonst, und fahre wieder hinunter zum Vieux Port. Keine grosse strecke, was, wenn man sich noch nicht ganz so gut auskennt, aber 25 min. dauert. Zumal der Grossstadtdschungel immer sehr anstrengend ist und es dir zig One-Way-Strassen und endlose Rotphasen zusaetzlich erschweren schnell dort zu sein wo du willst. Wenn ich schnell irgendetwas kleines brauche (Visa-bank), brauche ich ewig – wenn ich gerade nichts brauche, liegt alles auf der Strecke. Am Vortag hab ich mich per Telefon mit Odette verabredet, vorher will ich noch die zwei Parkinseln besichtigen. Von diesem Plan nehem ich aber ziemlich schnell Abschied. Heute ist hier ein Autorennen, massig Leute sind unterwegs un die Bruecke gesperrt. Der ganze Verkehr wird in diesen Tagen ueber die Pont Jaques Cartier geleitet und die ganze Bruecke ist eine einzige Abgashoelle. Es macht wenig Spass hier Fahrrad zu fahren und dummerweise waehle ich nach dem Parkbesuch die falsche Strassenseite. Ich verpasse den Treffpunkt bzw. kann den Fehler aufgrund mir schleierhafter Strassenplanung nicht mehr korrigieren und bin mit einem Mal in den rauchenden Faengen der Grossstadt gefangen. Ohne hier noch gueltige Landkarte habe ich keine Ahnung wo ich hier bin, was sich entsprechend auf mein Stimmungsbarometer auswirkt. Die Gedanken hierzu sind eher etwas fuer die private Lagerfeuerrunde. Voellig platt von der Perversion von Grosststadtsmog, Motorengeheule und zuvielen Menschen auf zu wenig Platz ,bin ich froh als mich Odette endlich gefunden hat. Gemeinsam radeln wir auf ihrer Hausstrecke ca. 10 km zu ihnen nach Hause (Longueuil).

Als ich anrufe frage ich nach einem Platz fuer mein Zelt, was ich bekomme, ist All- Inclusive. Waehrend Jean-Yves zum Joggen abstartet, kann ich duschen, Waesche waschen und viel trinken. Wahlweise gibt’s zum Abendessen „Oktoberfestwuerstle“, Pommes und Sauerkraut. Wir trinken nicht nur mir zuliebe Bier. Jean-Yves‘ Leidenschaft ist es, so scheint mir, den Lauf- und Radsport kaloriengenau mit den Promillezahlen von gutem Bier und gutem Wein in Einklang zu bringen. Eine komplizierte Rechnung, die nach einem augetuefftelten Wissenschaftler verlangt. Jean- Yves verhandelt als Energieexperte weltweit und kennt u.a. die deutschen Metropolen „Bielefeld“ und „Eisenhuettennach“. Odette und er kennen Deutschland und Europa gut und haben zwei Jahre in der Schweiz gelebt. Mit Odette‘ s Worten waere JY “ ein sehr sehr guter Deutscher.“ Jedenfalls hat auf seinem Schreibtisch alles seinen Platz. Nicht was den Schreibtisch angeht, doch aber was das Prinzip dahinter betrifft, so kenne ich das gut und fuehle mich hier – auf eine sehr positive Art und Weise – richtig heimisch. Wir reden viel und entdecken ein paar Gemeinsamkeiten. Anschliessen darf ich ins Internet und mich – zum zweiten Mal seit nun zwei Monaten – in ein Bett legen.!

20/08/2011

- Tag 53 -

Natuerlich hab ich gut geschlafen. Nach luxurioeser Zweistrahldusche gibt,s Fruehstueck und eine Menge zu tun. Fuer die Ref-Bewerbung muss ich sowohl noch erneuerte Antraege ausdrucken als auch ein Passbild machen (lassen). Jean-Yves und ich fahren per Auto zum Laden und haben im selben Gebaeude sowohl die Post, den Fotostore und direkt nebenan – den Liquorstore (inkl. Weinprobe). Er leiht mir ein hellblaues Lehrerhemd und hilft mir bei allem. Als mein ,offizieller Teil‘ vorbei ist, kommen wir zu seinen ‘ wirklich wichtigen Dingen‘: Liquorstore und Weinprobe. Weil ich das in Bc schon einmal versuchte Caesar nochmal versuchen will, kauft er einfach so nochmal einen 4er – Versuchstropfen. Wieder „zu Hause“ angekommen, bin ich ueber den nun (fast) erledigten offiziellen Teil sehr erleichtert und kann mich ganz dem leckeren Lunch hingeben. Die beiden begleiten mich auf ihren Rennraedern noch ein Stueck bzw. fahren mich in der Eskorte an den Kanal, an dem es fuer mich dann weiter nordwaerts Richtung Sorel- Tracy und Faehre geht. Weil es schwer ist alles einzeln aufzuzaehlen, bedanke ich mich bei ihnen mit einem „Thanks for all you‘ve done“ und waere auch gerne noch einige Kilometer in der Eskorte mitgefahren. Nach dem Abschiedsfoto fahre ich mit nicht ganz fitten Beinen am Kanal entlang. Der laedt leider doch nicht ganz zum Baden ein, zudem windet es extrem und faengt gegen Nachmittag auch an etwas zu regnen. Die Freude wieder auf den Landstrassen unterwegs zu sein beisst sich der Schwierigkeit hier an Trinkwasser oder schlicht irgendetwas kaufen zu koennen. Die Doerfer die ich durchfahre haben oft nicht einen einzigen Laden. Nachdem mir ein netter Junge beim Radumtragen einer Baustelle geholfe hat, kaufe ich kurz ein und radle fuer heute nur noch bis St. Marc (glaube ich). Irgendwo vor Sorel finde ich eine gute Stelle hinter einem gerade gebauten Haus, fange an zu kochen und hoere waehrenddessen einen Truck neben mir. Es ist Pierre mit Kids, der mir raet nicht hier, sondern naeher bei seinem Grundstueck zu zelten. Da die Bauarbeiter am naechsten Morgen frueher wach sind als ich, war das ein guter Ratschlag. Er laedt mich zu sich aufs Grundstueck ein und ich helfe ihm beim biertrinken, Marshmellow- und Hotdogs-Grillen. Am Lagerfeuer sitzend aber friscg geduscht, habe ich irgendwann seine Katze auf dem Schoss, seinen Hund am Bein, die **** Moskitos am Hals und das Bier an den Lippen.

21/08/2011

- Tag 54 –

„Lustig ist das Zigeunerle-h-ben, faria faria … schnauze“!

Nach einem naechtlichen Gewittersturm regnet es um 8.00 Uhr immer noch extrem. Das Zelt ist komplett nass. Pierre kommt trotzdem ans Zelt und bittet mich zu Tisch. Es gibt von ihm sehr lecker zubereitete Pancakes mit Maplesirup und Kaffee. Weil es den ganzen Morgen ueber durchregnet gehen wir es alle ruhig an, surfen im Internet oder schauen Musikvideos. Pierre, seines Zeichens Schwermetallliebhaber, diskutiert mit mir ueber System of a Down und Rammstein, die er u.a. im kleinen Québec (und seinem 8 Jahre alten Sohn) schon mal live gesehen hat.
Mit Google Earth gehen wir Campingplaetze fuer heute und Route durch, anschliessend schmeisse ich mich in Schale fuer den Regentanz. Fuer den ganzen Tag ist Regen angesagt und ich will irgendwie trotzdem fahren. In Vorbereitung auf einen ungemuetlichen Tag brennen wir die CD, welche mir die Lady in tToronto in die Hand gedrueckt hat und ich radle los. Mit richtigen Regen – Outfit ist es gar nicht so schlimm. Nach einigen Km mehr eich allerdkings dass ich die von ihm aufgefuellten Radflaschen vergessen habe … Wenn ich was zu trinken will, muss ich umkehren. Zum Glueck kommt er mit bereits im auto entgegen und ich verliere nicht viel. In Sorel angekommen trieft es bis in die Socken und das einzige was hilft ist ein warmer Kaffee. Die Bib hat nicht offen und so warte ich kaffetrinkend auf die Faehre nach Berthieville.
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Je mehr ich alleine unterwegs bin, umso mehr hab ich das Gefuehl doch nicht ganz alleine unterwegs zu sein. Abwechselnd, oder wenn es ganz doof kommt gleichzeitig, sitzen vier unterschiedlichste Typen auf diesem, meinem Sattel: Pfadfinder, Lebemann, Sportler, Schwabe. Die Zerreissprobe der Charaktaere ist die Wuerze einer nie augkommenden Langeweile.

Waehrend „der Pfadfinder“ (in mir) zur Schlafplatzsuche immer schnell aus der Stadt raus will, wird „der Lebemann“ (in mir) vom Konzertprogramm der Grossstaedte magnetisch angezogen. Waehrend sich „der Schwabe“ (in mir) ueber nicht ausgegebenes Kapital freut, aergert sich “ der Lebemann“ ueber jedes (um ein paar Tage) verpasstes Konzert (Lauryn Hill, Bon Iver, Bedouin Soundclash etc.).

„Der Pfadfinder“ kocht den Kaffee lieber auf dem Gaskocher und bevor er Starbucks unterstueztz, trinkt er ihn halt kalt. Er zieht die traditionelle Landkarte dem neumodischen GPS vor und ist zufrieden, wenn seine Km-Prognosen haargenau der Realitaet entsprechen. Er ist stolz, wenn das Basti-Enderle-Tribute-Feuer auch im Regen brennt. Bei Regen bleibt er stets gelassen, macht ein Feuer im Shelter, trocknet die Socken und schaut mit dem „Into the Wild“ – Soundtrack im Ohr ins Feuer.

„Der Lebemann“ hat dagegen nichts dagegen auch mal im Hostel zu uebernachten. Hier geht wenigstens was. Waehrend „der Pfadfinder“ gerne frueh weiss wo er nachts das Zelt aufbaut, kann “ der Lebemann“ diese Entscheidung auch mal auf die spannende Phase nach dem vierten Bier verschieben. Kaffee, Rauchen, der Wunsch nach Calamares – der Lebemann jagd stets nach der naechsten (kleinen) Sensation. Wo der „Sportler“ frueh raus will um mittags am Strand zu sein, kann „der Lebemann“ lang schlafen und auch mal Geld fuer das Orginal statt Plagiate ausgeben. Die Zeit die „der Lebemann“ vertingelt, will „der Sportler“ in Bestzeit wieder aufholen. Waehrend der Lebemann keine Uhrzeit kennt, ist der Tarro der Herzschlag, das Metronom des Sportlers. Er ueberholt leidenschaftlich gerne Hobbyradler am Berg und haelt auch mal ueber 30 km einen 25er Schnitt. Wo der Lebemann absteigen will, mobilisiert der Sportler seine autonomen Reserven und faengt an zu brennen!

„Der Schwabe“ ist – nur hier – die Spassbremse des Lebemanns. Er orientiert sich an roten Schildern und kauft statt einem lieber 20 Muesliriegel im sonderangebot. Luxus ist fuer ihn ein guter, franzoesischer Senf. Der macht aus schlechten kulinarischen Fehlgriffen geniessbares Essen und zaubert aus mittlerem Tuetenkram ein Festessen. Statt dass der Schwabe drei $ ueber dem Limit zahlt, verbuendet er sich mit dem Pfadfinder und laesst sich fuer drei $ weniger auch mal von einem Rackoon attackieren.

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Nach einer Woche ohne Kaufmoeglichkeit kaufe ich in Sorel zwiegespalten den zweiten Tabak. Der Sieg des Pfadfinders einen Laden ausfindig gemacht zu haben, ist zugleich die Niederlage des Sportlers. Ganz zu schweigen von des Schwaben Geldbeutel, der hier doppelt so viel zahlt wie in Deutschland. Nachdem die Faehre andockt fahre ich durch unspannendes und schlechtriechendes Landterrain. Der Zielort Louisville hat einen Park zum Wasserauffuellen aber doch keinen geeigneten Campingplatz fuer mein Zelt. Wegen eines Trauerfalls in der Familie ist niemand da, zudem sind alle Plaetze belegt und trotz „Bienvenue Cycliste“ sehe ich nichts von fahrrad- oder zeltfreundlichem Terrain. Etwas entmutigt fahre ich weiter und merke dass ich in einer langen Sackgasse bin und hier gar nicht weiterkomme. Erschoepft wie ich bin, kann ich heute nicht mehr weiterfahren und muss irgendwo in der Gegend unterkommen. Als ich mein eh noch total nasses Zelt aufbaue, faengt es an zu regnen. Nicht zuletzt merke ich dass ich keine Heringe fuer das Zelt mehr habe … die muss ich bei Pierre in der Garage vergessen haben. Weil ich keine Lust habe in einem nassen Zelt auf einer ebenso nassen Isomatte zu schlafen ueberlege ich in einem gerade gebauten Haus ohne Haustuere zu uebernachten. Weil das aber morgen frueh eng werden wuerde, suche ich weiter und finde erst nach einigen Runden einen Platz. Per Taschenmesser saege und schnitze ich mir im nicht aufhoerenden Regen fuenf stabile Holzheringe, stolper ueber die gerade aufgebaute Zeltschnur und hab das Zigeunerleben hier so satt. Es sollte die absolute Tiefpunktnacht sein, mehr will ich hierzu gar nicht schreiben.

22/08/2011

- Tag 55 –

Nach der krassen NAcht gestern scheint am naechsten Morgen immerhin kurz die Sonne. Weil die Gaskatusche von Jean-Yves leider doch nicht mit meinem Kocher kompatibel ist gibt’s heute morgen nur Wasser mit Eisteepulver und drei Kekse. Ich will so oder so schnell von diesem Notfallplatz weg und fahre die 30 km bis nach Trois-Rivières ueber eine sich doch ziehende Landstrasse. Unterwegs komme ich an einem Baumarkt vorbei und “ der Pfadfinder“ freut sich ueber eine tolle Alternativloesung zum (mit den Heringen) auch verlorenem Zeltstangenutensil. In Trois- Riviéres erhole ich mich im Kaffee von den lezten Stunden und lese die lokale Zeitung. DEr Lebemann hat mal wieder ein Konzert um nur einen Tag verpasst. In diesem Fall war’s ein Rap-Festival auf dem auch ein Native-Rapper aufgetreten ist. Ein groesseres Geschenk haette mir Trois-Riviéeres nicht machen koennen, naja, heute hier morgen dort und so. Anfaengliche Vorurteile oder Nichtwissen gegenueber dem ‚Canadian Tire‘, einer riesigen Baumarktkette hier, sind unebgruendet. Hier gibt’s alles und wenn man lange genug schaut, findet man auch Dinge die nicht mal die Mitarbeiter hier zu gedenken vermuten. Ich werde auf der Suche nach Gaskatuschen fuendig und kaufe gleich noch eine (billige und langgesuchte) Regenmuetze und ein T-Shirt mit. Dieser Laden ist absolut tages(er)fuellend, das Schlaraffenland fuer Heimwerker, der spielplatz fuer die UE-50er, der Erholungspark fuer gestresste Familienvaeter so hat man den Eindruck.

Eine tolle und vielleicht symptomatische Szene als ich glueklich aus dem Laden komme. Eine Frau stolpert vor mir ueber den Bordstein und ich muss etwas grinsen. Ihre Freundin im Auto lacht auch und so ist das kein Problem. Anschliessen meint sie auf Franzoesisch zu mir dass sie gestolpert ist weil sie mein Rad angeschaut hat und nicht auf den Weg geachtet hat. Weil ich sicher gehen will ob ich richtig verstanden habe, sage ich:“ Oh, in english please?“ Als ob sie hier eine neue Sprache kaufen muesste, meint sie:“Oh, no thanks“, steigt in ihr Auto und faehrt weg. Ja, in den ersten Québectagen treffe ich doch ab und zu auch stolze Québecer, die mich bei den ersten englischen Worten nur noch halb so freundlich anschauen wie zu Anfangs. Im Gegensatz zu Frankreich, wo einige es koennen, Englisch aber nicht sprechen wollen, koennen es hier viele tatsaechlich nicht oder trauen es sich nicht (zu). Auf der Gaspésie gibt es zudem ueber Generationen angesiedelte Mc Andrews die kein Wort Englisch koennen und Lasalle’s die kein Wort Franzoesisch sprechen. Anyway, meine hohen Erwartungen an „la belle province“ werden mehr als erfuellt und ich kann es kaum erwarten endlich in Québec City zu sein.

Den Abend campe ich in einem kleinen Dorf und wiedermal ist es die Obhut der Kirche, die mir Unterhalt gewaehrt.

23/08/2011

- Tag 56 -

Zum Fruehstueck ziehe ich an einen schoenen Spot am – immer noch – St. Lawrence river um. Waehrend ich das nasse Zelt trockne und Kaffee trinke spricht mich Richard an. Richard ist neben den Ohne-Gepaeck-Radlern hier der erste Touring-Cyclist den ich seit laengerem treffe und kommt aus Neuseeland. Den grauen Haaren nach ist er bestimmt schon Ende 60, allerdings ist er genauso unterwegs wie ich und sucht sich jeden Abend Wildcampingplaetze im Wald. Ich glaube, der grauhaarige Pferdeschwanz ist ein Zeichen fuer junggebliene Kuehnheit oder so. Es ist nett mal wieder mit jemandem zu reden der dieselben Tourprobleme hat wie ich: Trinkwasser, Regen, Wildcamping, Franzoesisch, harmlose Landschaften. Nachdem er weg ist, ist der Sportler ungalublich motiviert ihn wieder einzufangen und schraubt den durchschnitt auf gute 24 an diesem Tag (zeitweise 28 km/h auf der Ebene). Statt Richard treffe ich einen netten kleinen Radladen direkt an der Strasse. Der Besitzer war frueher Truckfahrer und spricht ein paar Brocken Englisch. Gemeinsam und bilingual biegen wir ein Gespraech hin, ich kann meine Sonnenbrille plus Linsen reinschrauben und kaufe neue Flicken. Ich habe super Beine an diesem Tag, alles laeuft wie von selbst. Unterwegs bietet mir ein Franzose sein Hausinternet an, die Bibliothekt in der Kleinstadt hat diesen Sommer geschlossen. Gegen Nachmittag treffe ich einen anderen Toruing-Radler und wir reden waehrend dem Radeln miteinander. Allerdings nur kurz, weil wir doch sehr unterschiedliche Tempi fahren und der Sportler (in mir) Auslauf braucht. Weil ich nochmal Pause mache zwischendurch treffe ich ihn am Abend wieder und wir teilen uns den Campingplatz. Er kommt aus Montréeal, planiert fuer die Stadt Strassen, fischt und spielt Eishockey und hat Schmerzen im Knie. Die Radtour ist Teil eines selbstauferlegten Abnehmeprogramms und ich bin, bei seiner Statur, verwundert ueber die paar Nuesse die er am Abend isst. Wir unterhalten uns im sprachmix aus Franzoesisch und Englisch und irgendwie klappt,s immer. Er versucht auf die Gaspèsie zu fahren, hat dort Freunde die auch mich gerne aufnehmen, meint er. Da es eh meine neuprogrammierte Reiseroute ist, komme ich da bestimmt drauf zurueck. Am Abend will ich eine Funktion am Tarro reparieren und … loesche gekonnt alle Funktionen. Kilometerstand zu diesem Zeitpunkt: 2300 Km.

24/08/2011

- Tag 57 -

Sylvain und ich fruehstuecken gemeinsam und tun das fuer bereits 9.00 Uhr sehr entspannt. Bis Québec City sind es nur noch rund 50 km, also ein gemuetlicher Tag und kein Grund zur Eile. Gleich zu Beginn wartet ein krasser Anstieg zurueck auf die 138er Landstrasse. Oben angekommen, habe ich direkt wieder einen platten Reifen. Sylvain japst nach Luft und nimmt das als alter Mann mit kaputten Hockeykniescheiben, wie er sagt, mit Humor. Er verabschiedet sich und laesst mich mit dem nun vierten Platten innerhalb einer Woche zurueck. Vermutlich ist eine kaputte Stelle fuer alle Platten im Marathon Plus dafuer verantwortlich. Der Reifen ist bei einem Gesamtgewicht von ca. 60 Kg teilweise doch ueberfordert und das sieht man mittlerweile auch. Ohnehin ist es erstaunlich was dieser Reifen alles tragen muss und bereits mitgemacht hat. Es ist immer wieder ein beaengstigendes Gefuehl wenn ich mein eigenes Fahrrad nicht einmal 10 Sekunden lang hochheben kann. In der Greater Area von Quebec City verirre ich mich mal wieder und erspaehe bei einem Eiskaffee-Stop das Rad von Richard wieder. Wir teilen in der Fastfoodkette aka. Radlertreff einige Radlerweisheiten aus und fahren in getrennte Richtungen weiter. Richtung Downtown geht es auf einem mir unklaren Streckennetz aber immerhin auf Radwegen die ersten Kilometer voll gegen den Wind. Weil die Beine an diesem Tag, trotz Ankunftstag im Zielort, anfangs nicht gut sind und die Psyche nach dem Platten etwas gelitten hat, ist das ueberraschenderweise harte Arbeit. Fuer alle die ihn kennen: Gebueckt, geknickt und gezeichnet wuchte ich das Koerpergewicht von links nach rechts wie zu seiner Zeit der grosse Fernando Escartin, der kelmische Adler. Ich waehle die sehr sehr schoene Promenadenradstrecke Richtung Downtown und freue mich ueber z.T. dreispurige (!) Rad- bzw. Fusswege. Am besten ist man hier mit dem Fahrrad unterwegs, das wird schon in den ersten Minuten deutlich. In Québec City regieren die Zweiraeder und doch muss man hier als Radler an Ampeln zum Teil unendlich lange warten. Kein Wunder dass Ampeln hier nur Attrappen sind, kein Mensch wartet hier 10 Minyten bis es gruen wird. Wer sich vom Viuex Port zur Altstadt mit dem Rad hochschraubt, hat sich oben ein kaltes Bier verdient. Québec City beeindruckt mit einem lebendigen, franzoesischen Savoir-vivre-Charme und ist nur vom Hubschrauber aus eine Grossstadt. Mittendrin verleihen das Chateau Frontenac und zig Cafés der Stadt teilweise einen sehr symptahischen doerflichen Gassencharakter, weit weg von bsw. der Amerikanisierung Torontos. In der Rue St. Anne hat der Buchladen noch bis 22. Uhr offen, die Strassen sind bunt und lebendig bis spaet und die Bilbiothek gibt dir zwei Stunden Internetzeit pro Tag. Zudem schmeckt das Trinkwasser hier super und es plaetschert inmitten der Bib ein Bach waehrend du in die Tasten klopfst! Québec City fuehlt sich gut an und man muss hier auch bei Regen keine Panik haben. Es gibt ueberall gute Unterstaende, Trinkwasser und nette Leute. Gleich am ersten Abend sprechen mich mehrere an (allerdings aus BC), mit einem komme ich dann laenger ins Gespraech. Anfangs sehr sympathisch, zieht er aber hinterher eine linke Tour ab. Egal, wir kaufen Bier und er zeigt mir einen richtig guten Laden – das Ninkasi – zum Weggehen. Statt im benachbarten Punkpark schliesse ich mein Rad versteckt an einem Baum an, habe Christian gleich zu Beginn wieder verloren und geniesse den Abend genau am richtigen Tag. Heute ist „Live-Drumming-Session“ d.h. ein runder Dancefloor inmitten unzaehliger Trommeln und Percussioninstrumente. Waehrend aussen die Beats wummern, feiert in der Mitte jeder sein eigenes Pow Wow! Nach dem x-ten Bier hat der Lebemann schon laengst gewonnen und der innere Kompass zeigt auf : Freestyle! Bis auf die naechtliche Schlafplatzsuche, die ebenso Freestyle war, war das ein super erster Tag und Québec City hat die Erwartungen an ganz Québec fast alleine gestemmt.

25/08/2011

- Tag 58 -

(…) Ich wache spaet auf und liege ,steil am Hang‘. Egal was kommt, heute folgt auf einen ruhigen Tag ein noch ruhigerer Abend. Nach dem Zelttrocken und dem ersten Kaffee begruesse ich den ersten Wasserhahn in der Bibliothek. Anschliessend gehe ich in den Mountain Equipment-Company-Store (MEC) und haenge irgendwo zwischen den Kletterseilen rum. Der Laden gehoert hier zu meinen absoluten Lieblingslaeden und der Weg raus ist immer ein schwerer. Ich kaufe ein neues Besteck und langgesuchte, billige Regengamaschen. Da es schon wieder Zeit ist einen Platz fuer die Nacht zu suchen und ich muede bin fahr ich raus zu den Parks. Leider finde ich nichts richtig tolles und ich muss letzendlich mitten im Battlefields Park, dem frueherem Schlachtfeld von Géneral Montcalm vs. General Wolfe, mein Zelt verstecken. Es ist irgendwie ein komisches Gefuehl ausgerechnet hier, wo so viel geschlachtet wurde, meine naechtliche Ruhe zu finden. Dank Schlafplatzsucher – Routine gelingt aber auch das.

26/08/2011

- Tag 59 -

Weil ich heute schon um 9.30 Uhr an der Touri-Information sein will, geht heute morgen alles ganz schnell und ich bin Punkt 8.15 am Platz. Ich habe hier mit einem Wendat-Tanzevent gerechnet und hab aber Shuttle-Bus zum Reservat mit Show verwechselt. Zum Glueck bin ich (mal wieder) zur richtigen Zeit am richtigen Ort d.h. bei der passenden Info-Dame. Da ich nur Fragen zu den Wendat, dem hier lebenden Huronenstamm und ihren Events habe, muss das irgendwie sympathisch angekommen sein. Das Reservat ist gute 20 km ausserhalb und doch staedtisch. Heute Abend ist das „Ozalik“, eine von Wendat aufgefuehrte, modernere Tanz-Artistik- und Gesangsshow. Und die Frau hinter dem Schalter, Andrea, ist zufaelligerweise die (huebsche und sehr symphatische) Leadsaengerin von dieser Show. Ich frage sie nach Einzelheiten, z.B. ihrer aktiv gesprochener Native-Sprache und sie meint dass sie Lehrerin einer 150 lang nicht gesprochenen Sprache sei. Ich erinner mich wie die Nativesprache klingt die ich kenne und sie weiss mir unendlich viel spannendes zu erzaehlen. Ich habe fest vor gegen Mittag ins Reservat zu fahren und die Show zu sehen.

Auf dem Weg dahin, checke ich in der Bib Mails und freue mich ueber deine Mail, Raffa! Dir zu ehren und mir zu Liebe gehe ich den schoensten Alpaqa-Laden den ich kenne. Freiburg und Heidelberg wuerden diesen Laden um die Wette lieben. Weil ich schon lange der Meinung bin, dass dein hundertjahre alt zu scheinender brauner Alpaqa einen ebenbuertigen Bruder braucht, chekce ich die Angebote und finde tolle Sachen zum guten Preis. Leider muss ich vorher – oder momentan – erstmal den Haushalt ueberpruefen bzw. neu abstecken. Auf dem Weg zum Wendake, dem Wendatdorf, gibt’s endlich mal wieder Gnocchi con Pesto Presto. Im gemuetlichen Tempo komme ich am Museum an und direkt in eine Preiszwickmuehle: Alles machen geht hier nicht etc. Ich beschliesse fuer heute nur zwei Shops anzuschauen und heute Abend in die Show zu gehen. Bis hierhin frage ich im Radladen wegen meinem Reifen nach und will die Antwort gar nicht hoeren. 70 $ fuer einen neuen Marathon Plus – mhm. Die Kinnlade rutscht auf den rauhen Asphalt und bleibt am Gulli kleben.

Die Ozalik-Show ist grossartig. Zwar nicht traditionell und doch absolut Wendat, zudem extrem guter Sound, alles selbst gespielt und komponiert, tolle Saenger, tolle Taenzerinnen. Der Plot ist zwar fuer Touristen, aber alles in allem ist es sehr sehr gut gemacht. Etwas in mir sucht in diesem Dorf immer noch nach dem Haken und erst als ich das Dorf mittags selbst abgefahren bin kann ich mich richtig darauf einlassen. Nach 2 schoenen Stunden freut sich der Lebemann ueber eine tolle Show und der Schwabe ueber gut investiertes Geld! Vor und waehrend der Show kuemmern sich mehrere nette Leute um mein Fahrrad und Felix, einen Typ den ich hier anspreche, schaut ob er einen Platz fuers Zelt heute Abend findet. Nach der Show treffe ich Andrea wieder und gratuliere ihr zu einer tollen Show und einer tollen Stimme. Zufaelligerweise ist ihr Wendatname neben „she walks slowly“ auch noch „beautiful voice“. Zweiteres ist ihr aber irgendwie peinlich. Sie singt mir klassische deutsche Lieder vor die ich nicht kenne, redet vom Oktoberfest und ich erzaehle ihr aus irgendeinem Grund warum ich diese Reise mache. Ich bin mit der Gesamtsituation schlichtweg ueberfordert und hab tausend Fragen, die mir aber alle gerade nicht mehr einfallen. Egal, sie antwortet auf alles und es macht viel Spass mit ihr zu reden. Irgendwann stehe im noch mit den restlichen Wendat im Kreis, bekomme zwei Bier spendiert und Andrea denkt ueber einen Wendatname fuer mich nach. Als Felix meint ob ich fertig bin, verabschiede ich mich und fahre hinter seinem Sportwagen her. Er hat ein tolles Haus mit schoenem Garten direkt am Fluss, dort wohnt er mit seiner Mutter. Felix ist halb Inuit, halb weiss, seine Mutter ist Innuit und arbeitet als Sozialarbeiterin in den verschiedenen Reservoirs. Aus diesem Grund kennt sie fast jeden Stamm ueber die ein oder andere Ecke. Ich baue mein Zelt auf und schreibe, waehrend ich die Bilder durchgehe, ein paar Sachen auf um sie nicht wieder zu vergessen. Es waere zu schade um diesen unglaublichen Tag und die tollen kleinen Geschichten drumherum. Waehrend das fuer jemand anderen evtl. nur Gespraeche waren, fuer mich ist das viel viel mehr. Es ist irgendwie alles ganz normal, fast selvstverstaendlich hier – und doch war das so weit weg, so un(be)greifbar.

27/08/2011

- Tag 60 -

Gemuetlich wache ich mit den ersten Kanuten auf die vor mir ueber den Fluss schippern. Felix‘ Nachbar verleiht Kanus und will einen neuen Sport grossmachen: Kanupirouetten oder so. Felix ist aber eher Fan von Kampfsport statt dass er Kanurollen zu feiern und bedauert den grossen Kampf heute abend nicht sehen zu koennen. Er arbeitet momentan fuer die Ozalikshow, hat frueher aber auch Hotelsachen gemacht und in den Woods als Fishing-Hunting-Guide fuer Touris gearbeitet. Auch er weiss sehr viel ueber die fruehere und die heutige Situation seines und der anderen Staemme sodass das ein fuer mich extrem toller, informativer Morgen und Mittag ist. Am Mittag fahert er mich und seine Mutter zum Laden weil ich neue Ohrhoerer brauche, anschliessend besuchen er und ich das „traditionell site“ der Wendat . Fuer ihn ist es eine komische bis lustige Situation, ein Nachbaudorf seiner eigenen Kultur zu besichtigen, mir Zuliebe geht er aber mit und kennt hier jeden. Im Dorf haben junge Wendat (aber eigentlich gehoeren die meisten Jugendlichen anderen Staemmen an) hier Sommerjobs und fuehren bsw. Taenze . Da es kein englischen Guide qn diesem Mittag gibt, verstehe ich leider nicht alles, habe aber in Felix den besten und lustigsten Guide an der Seite. Zudem ist er als Inuit in einem Wendatdorf und wie ueberall, hat hier jeder eben auch so seine ganz eigene Version.

Und ueberhaupt kann man die touristenfreundlichen Wendat so oder so sehen, das was sie anbieten ist sehr gut und sichert Arbeitsplaetze nicht nur fuer Wendat People. Zudem sind es eher die separierten Reservoirs die mehr Probleme haben. Mit Felix mache ich crazy Pics auf dem Wendatgelaende und nach einem Foto mit Coyote-Pêlz ueber dem Kopf hab ich den Namen „freezy beaver“ weg. Am Ende der Tour schauen uns die Taenze an. Seine Cousine, eine Inuit, tanzt auch mit und nebenbei erzaehlt er und erzaehlt er. Am Ende suchen sie 4 Personen fuer den Piecepipedance und weil er meinem Arm hochhebt, bin ich dabei. Neben einer nur englischsprechenden Lady (die nicht versteht was sie da inhaliert) lassen wir die Friedenspfeife tanzen. Im `Giftladen` ist leider mal wieder alles Gute zu teuer, Felix erklaert mir aber das Ein oder Andere zur Herstellung und das ist eigentlich noch besser. Seine Mutter holt uns ab, anschliessend macht er Essen indem er Hirschragout aufwaermt. Sie bieten mir an noch eine Nacht zu bleiben und ich kann nicht anders als natuerlich „Ja“ zu sagen. Ich kann hier machen und lassen was ich will solange er arbeiten ist. Und wenn ich mit seiner mehr franzoesischsprechenden Mama ins Stocken komme, wird einfach gelacht.

Wenn mir das was in diesen zwei Tagen abging jemand vorhergesagt haette, ich haette es nicht glauben koennen. Die Nacht verbinge ich zum dritten Mal in einem Bett und noch dazu, in einem eigenen Zimmer. Die neugekauften Ohrhoehrer verfuehren mich in neue, ungeahnte Klangwelten und statt den TV – Kampf zu schauen, wiederhole ich geistig mit dem „Der-mit-dem-Wolf-tanzt-Sondtrack“ den heutigen Tag.

Tag 61 –

Nach dem Fruestueck schenkt mir Felix`Mama einen Button ihres Stammes und ich verabschiede mich nach einem letzten Foto von ihnen. Als ich fahre, sehe ich winkenden Arme und hoere noch ein „Mama, don`t cry“ auf das ein nettes Lachen folgt. Auf dem Radweg zurueck nach Québec City habe ich zwei Platten und komme gerade noch so an die Bibliothek bevor es wieder zu regnen beginnt. Marie hat Mitleid mit mir und spricht mich an; es haette dafuer keinen besseren Tag geben koennen. In dieser Nacht wuetet Irène und laesst hier 50 cm dicke Baustaemme wie Streichhoelzer ein(k)nicken. Sie studiert Grundschullehramt und nachdem wir u.a. die Paedagogik-Facts geklaert haben laedt sie mich am Abend zu sich ein. Auch ihre E-Mailadresse koennte cooler nicht sein: MC_Bouvet etc. Ich warte ob des Regens die Zeit im Cafée ab und bin anschliessend den Launen von Furie Irène ausgesetzt. Im krassesten Sturm und mit einer viel zu schlechten Landkarte werde ich von ihr durch die Stadt gefegt. Der Wind blaest das Regencover auf wie eine Windrose, ich bin zum Abflug bereit bin und zweimal legt es mich trotz 60 kg Gepaeck fast quer auf die Strasse. Mit zwei Stunden Verspaetung finde ich ihre nette 1-Frau-Wohnung doch noch und bin bei leckerem vegetarischem Essen, Rotwein und 5-Sterne-Brownies sehr sehr froh diese Nacht nicht draussen verbringen zu muessen.

29/08/2011

- Tag 62 -

Marie hat heute Praktikum – man(n) kennt`s – und muss dementsprechend frueh raus. Wir fruehstuecken gemeinsam und sie meint, dass sie mich auch gerne nochmal vor meinem Abflug aufnehmen wuerde. Ihren mitgegebenen Brownie esse ich zum Kafee to-go, klaere beim HBF mit einer netten VIA-Dame die Facts und nehme die Faehre ueber den St. Lorenz Richtung St. Gervais. Hier will ich Louis besuchen, ihn und seine Frau habe ich mehrmals in BC getroffen und er war es auch, der mich vor Irène gewarnt hat bzw. geraten hat eher einen Tag spaeter zu fahren. Immernoch liegen Baeume quer ueber Radwegen und ich muss z.t. den schoenen Radweg leider verlassen und auf den Highway ausweichen. Auf einem Feldweg versuche ich um unendlich viele Heuschrecken Slalom zu fahren und habe eine grausame Quote. Auch als Nicht – Vegetarier tun sie mir irgendwie leid aber sie sind einfach zu viele und viel zu langsam und ich natuerlich viel zu schnell. Im Highscore bin ich aber immer noch besser als die fiesen Trucks neben mir.

Auf dem Rang de la Montagne zur Farm von Louis bekomme ich erstmals wieder ein Gefuehl fuer Steigungen und freue mich auf den Nordosten der Gaspésie. Statt einer erwarteten Kuhfarm treffe ich eine Ziegenfarm an und bekomme sogleich eine tolle Einfuehrung vom `Le Chef` persoenli-sch. Louis und Familie haben hier zu viert 550 Ziegen samt High-Tech-Zapfsaeulen aus Europa. Die 20 gehoernten Bullen haben hier nur einmal im Jahr wirklich was zu tun, dafuer sind die aber echt busy. Nach der Stallfuehrung trockne ich meine Sachen und wir reden viel ueber die Zeit in BC. Es ist die beidseitige Faszination fuer BC/die Rockies und die Art zu reisen die uns irgendwie verbindet und es ist cool einen solchen Gespraechspartner zu haben. Zum Abendessen kommt ausschliesslich Gartengemuese auf den Grill, dazu gibt`s Fleisch, Nachtisch und natuerlich feinen Ziegenkaese (hart). Die anschliessende Dusche geniesse ich natuerlich mit Ziegenmilchseife und zum Fruehstueck gibt`s kalte Ziegenmilch. Ich schlafe wieder in einem Bett und fange an die Sternehotels hier richtig zu geniessen. Maeeeh!

30/08/2011

- Tag 63 -

Die Fruehaufsteher (um 5.00 Uhr ist erstes Melken) lassen mich netterweise schlafen und ich fruehstuecke erst zwei Stunden spaeter. Nach dem Abschiedsfoto rolle ich los. Louis wuerde sehr gerne mitkommen, meint er, hat seine Urlaubszeit als Farmer aber bereits ifuer dieses Jahr voll ausgekostet. Ich fahre nach diesem kleinen Abstecher 20 km zurueck auf die Route 132, das ist die Strasse, die mich nun fuer die naechsten 1000 km Richtung Percé begleiten wird. Sie ist zwar nicht der Icefields aber trotzdem ganz gut zu fahren, zudem habe ich keinen Platten mehr. Mein Tagesziel, St. Jean Port-Joli, erreiche ich gegen Abend und habe noch gut Zeit mir einen schoenen Zeltplatz am Rande eines Feldes zu suchen. Hier gibt`s sogar etwas Feuerholz und ich hole aus zu einem richtig gemuetlichen Abend mit brutzelndem … nein, la mère terre zeigt mir gleich am ersten Tag wieder wer hier draussen Chef im Ring ist und zerstoert mit dem Regen alle Lagerfeuerplaene. Trotzallem bin ich nach den Sternehotels wieder bereit fuer die Wildnis!

31/08/2011

- Tag 64 -

… wieder Sonne!

Mit ihr geht alles viel leichter und so sitze ich vor meinem noch nassen Zelt und trinke meinen Kaffee im Weizen. Lauryn Hill zupft zu einem gemuetlich anklingenden Tag. Die Aufgereghtheit der Staedte ist weit weg und ich geniesse das ruhige, wenig hektische Savoir – Vivre. Etwas in mir beschliesst sich diesem Rhythmus anzupassen und so gibt es die ein oder andere Kaffeepause in sorgfaeltig ausgewaehlten Cafés mehr.

Der Lebemann freut sich hier mit dem Schwaben ueber bezahlbare Krabbencreme, der Sportler fiebert der Gaspésie und ihren Anstiegen entgegen und beugt sich doch gerne dem Savoir – Vivre, der Pfadfinder freut sich ueber reichlich Auswahl an netten Plaetzen und hier statt dem Highway – Laerm eher Moewen und Meeresrauschen zu hoeren. In Trois Pistoles reisst mich ein Hungerast aus dieser Idylle und ich muss anhalten. Aus medizinischen Gruenden zuecke ich die Geheimwaffe, Nutella, und schmiere auf ein viel zu duennes Brot unverschaemt viel Schokoladenaufstrich. Da weit und breit keine Erziehungsberechtigten zu sehen sind, schmiere ich an die 10 Brote. Vorbei an zig Baustellen und obercoolen, sonnenbebrillten Strassenflickern nimmt auch der Verkehr wieder zu. Zwischen Rivière du Loup und Rimouski ist dann auch die Truckdichte leider wieder hoeher. Man erklaert mir dass der normalerweise paralelle Highway 20 gerade gesperrt ist und der Verkehr deshalb umgeleitet wird. Vom Verkehr muede und genervt fahre ich gegen Abend irgendwann auf gut Glueck einfach links ueber einen Berg und hoffe dort auf ein nettes Plaetzchen. Das gibt es hier tatsaechlich – allerdings bin ich hier umzingelt von reichen Grossgrundbesitzern, fein abgesteckten Zaeunen und grausamen `Grand Chien`- Schildern. Das Wildcampen ist hier schwierig aber nicht unmoeglich! In St. Simon geniesse ich einen Sonnenuntergang der Extraklasse und auch mein Campplatz hat dieses Zertifitikat verdient. Der Berg zwischen mir und der 132 schirmt alles ab und man hoert tatsaechlich nur das Meer und die Moewen. Wo die Palaeste hier viel Geld fuer zahlen, habe ich einen noch schoeneren Platz fuer umsonst. So macht das Wildcampen Spass und ein solcher Platz entschaedigt fuer 7 weniger spektakulaerere. Ich haenge mein Essen auf, baue mir diesmal eine Rackoon-Verteidigungswaffe und drifte mit James Blake in den Abend ab.

01/09/2011

- Tag 65 –

Am naechsten Morgen geniesse ich das Schnaeppchen von gestern wieder auf den Klippen: Es gibt Schoko – Croissants. Heute steht ein wenig anstrengender Radtag auf dem nichtvorhandenen Zettel; zudem soll der Parc du Bic sehr schoen sein und ich will das ueberpruefen. Fuer den Parkeintritt verlangt man hier 5 $ und auch wenn mich das zum Aufstossen bringt, zahle ich die und spare anschliessend fuer`s Campen. Etwas in mir wehrt sich per sé gegen das Buisiness Outdoor, man kann hier sogar Geld fuer eine von einer 19-jaehrigen erzaehlten `Park-Legende`liegenlassen. Und man kann hier so einiges `discovern`: vorgeformte Wege (die man aber nicht verlassen darf), bereits aufgestellte Jurten etc. Zudem zahlt man Eintritt in ein extra geschuetztes Gebiet und bezahlt gleichzeitig irgendwie auch fuer die Dummheit der Menschheit auch so mit der Natur zu leben. Nun ja, auch wenn die volluniformierte Jack-Wolfskin-Traegerinnen bei 33 im Schatten (da braucht Frau auch kein Fleece) etwas laecherlich wirken, der Park hat auf jeden Fall sehr schoene Flecken. Da ich frueh ankomme hab ich genuegend Zeit fuer bsw. kleine Hikes. In einer Bucht steht Jacky Wolfskin und bietet Robbenbeobachten durchs Fernrohr an. Sie informiert und kommentiert noch nebenher und tatsaechlich schwimmen 16 Robben durchs Guckloch. Eine Touristin haelt mich witzigerweise fuer einen Parkranger und denke nur dass ich den Parkranger kennenlernen will der hier jeden Tag mit einem 60 kg Rad durch den Park faehrt. Roberto Carlos`Waden waeren wohl Spanholz dagegen!

Im Park herrscht eine angenehme und vorallem ruhige Stimmung: Kein Motor, kein lautes Lachen, leises Fluestern etc. Mir mir sitzen noch 4 andere in der fuer die Nacht auserwaehlten Bucht und schauen der Sonne beim Untergang zu. Ab und zu muss die Hand gegen die Stirn schlagen um wiederbelebte Moskitos zu killen. Die bereits togesagten Stimmungstoeter rutschen dann von Old Shatterhand getroffen die eigene Fensterscheibe runter, meine Brille hat Masern, und das ist dann irgendwann der Grund ins Bett zu gehen.

02/09/2011

- Tag 66 –

Am naechsten Tag rolle ich problemlos bis nach Rimouski und suche, wie immer in Staedten, sogleich das Infocentre. Ich hab mal wieder Lust auf eine laengere Konversation und das, ist hier in Québec mit der englischen Sprache als Hilfsmittel alles andere als einfach. Im Lonely Planet als , openminded`beschriebene Québecois begegnen der englischen Sprache mit Strinrunzeln bis Ablehnung. Am Abend frage ich einen Typen ob es auf den Plastikbecher Pfand gibt. Er antwortet auf franzoesisch obwohl ich ihm sage dass es fuer mich geschickter auf englisch waere. Er bleibt beim franzoesisch und er als ich ihm sage dass ich Deutscher bin, schaltet er in einen anderen Modus, gratuliert mir (keine Ahnung fuer was) und fraegt auf englisch wie er mir helfen kann. So sind sie desoefteren, die Québecois, (zu) stolz und schade nur, dass es oftmals die falschen abbekommen. Zum Teil wuerden ihre Blicke gerne was sagen, viele trauen sich aber nicht und haben Angst englisch sprechen zu muessen. Die internationalen, die es versuchen, entschuldigen sich dann in jedem dritten Satz fuer ihr Englisch …

Gegen Nachmittag stehe ich in der Telefonzelle nebst dem heute hier stattfindenen Jazz-Festival und sehe zwei bekannte Raeder wieder: Anina und Claudio. Unabgesprochen treffen wir uns witzigerweise wieder und feiern das am Abend mit Bier, geteiltem Poulet und einem Konzert im Zelt. Obwohl ich erst nicht wollte, ueberzeugten mich wohlklingende Rapbeats der Combo so, dass ich doch bezahlen musste. Bran Van 3000 geben Gas und brennen fast das Zelt ab. Eine Djane legt «suprrrlaessige» Beats zum runterkommen auf und ein netter Tag (mit doch noch Konversationen) geht zu Ende. Waehrend die beiden ins Hostel laufen, fahre ich weiter raus und finde einen offenen Spielplatz auf dem ich mein Zelt aufbauen kann.

03/09/2011

- Tag 67 -

Krass: Es ist ja schon September.

Und das heisst, dass die Ostkueste nicht mehr weit – und somit Canada fast vorueber ist. Ich muss mal wieder Waesche waschen und fahre zur Laundry und anschliessend zum Fruehstuecken. Weil es anfaengt zu regnen dauert`s mal wieder etwas laenger. Kein Problem, mit Console (im Ohr) rekonstruire ich den gestrigen Abend und versuche trotz Regen entspannt zu bleiben. Claudio und Anina haben diesselbe Idee und so trifft man sich – unabgesprochen – zwischen den Waschmaschinen. Ob der schlechten Wetterberichts (3 Tage Regen) bleiben die zwei noch 2 Naechte in Rimouskiiiii; fuer mich ist das Schlafplatzfinden ausserhalb viel einfacher und so schalte ich um in den Regenmodus. Neugekaufte Gamaschen an, Helmcover, Regenjacke und ein aufgesetztes Laecheln. Nach 10 km halte ich nach anstrengendem Meer-Gegenwind zum richtigen Zeitpunkt und warte anschliessend in einer Fastfoodkette zwei weitere Stunden ab. Fuer einen kleinen Gag waehrend der Wartezeit sorgt das Radio: Hier laeuft tatsaechlich `Wind of Change`und ich weiss nicht ob ich mich darueber freuen soll oder stattdessen lieber draussen im Regen warte. Als der Regen etwas nachlaesst quaele ich mich nochmal fuer einige Kilometer durch den kalten Gegenwind und halte erst an als ich einen netten Park bei Métis finde. Der Park ist seit drei Tagen geschlossen (weil wie gesagt, bereits September, Off-Season) und ich habe einen ganzen Park fuer mich alleine. Zwar regnet es, das macht hier aber gar nichts, weil es unglaublich viel zu entdecken gibt. Zeitversetzt entfuehrt der Park in Siedlerzeiten, ueberall im Wald kann man selbstgebaute Holz – Huetten, – Tische, – Waende und Feuerstellen finden. Ein hoelzernes Tipi (fuer Kinder) ist die Kroenung und mein Basislager fuer die naechsten zwei Tage. Ich checke die Umgebung ab, saege zwei lange Ruten zu recht und fange an mir Angeln zu bauen. Der Regen scheint mir Zeit fuer solche Dinge geben zu wollen und hoert und hoert nicht auf. Ich mache Feuer im Tipi – und das allein ist ja bei nassem Holz und nur einem Taschenmesser schon eine halbe Tagesaufgabe. Zum Angeln gehe ich runter an den Fluss und fange einen riesigen … naja, kann ja nicht immer klappen. Trotz schoener Angelstelle wird schnell klar, dass hier ohne richtige Angelkurbel nichst geht. Der Jaeger wird zum Sammler und so sammle ich Muscheln fuer meinen Reis. Auf dem Feuer koche ich die gar nicht mal so `miesen-Muscheln`und habe trotz Regen richtig Spass und immer was zu tun. Ich habe genau solange Spass bis ich in mein feuchtes Zelt kriechen muss.

04/09/2011

- Tag 68 -

Es regnet und regnet und regnet, die ganze Nacht und den ganzen naechsten Tag.

Mein Zelt gleicht mittlerweile einem Feuchtbiotop und ich inspeziere desoefteren ungebetene Gaeste. Ich schlafe ausnahmsweise mal lang und habe den Tag ueber nichts zu tun ausser einem Schild fuer Anina und Claudio zu schreiben. Das Schild soll die beiden hierherlotsen, ich haette da in (m)einem Park noch was frei. Allerdings, so weiss die Zukunft, sollten sie erst am naechsten Tag hier lang fahren.

05/09/2011

- Tag 69 –

Auch an diesem Morgen ist es nass, aber der Regen hat etwas nachgelassen. Die Nahrungsvorraete wollen aufgefuellt werden, das alleine ist Grund genug fuer einen Ortswechsel. Nur mittelmotiviert schalte ich in den Regenmodus, d.h. Regenjacke, Gamaschen und Helmcover an, und muss nach dem Ruhetag erstmal wieder meinen Radrythmus finden. Die ersten Kimoleter tun weh, danach laueft es is Matane ganz gut. Die Suche nach einem gemuetlichen Kaffee als Regenpause ist allerdings eine unloesbare Aufgabe. Hier gibt`s zwar an jeder Ecke und in jedem kleinen Kaff Hummer und Meeresfruechte, fuer den kleinen Geldbeutel und den efrorenen Radler aber weit und breit keinen waermenden Kaffee. In Matane hab ich mal wieder einen Platten, die Seitenstreifen sind hier oft mit Kieselsteinen garniert und die machen es meinem abgewetzten Marathon Plus sehr sehr schwer. Im Canadien Tire kaufe ich Gaskatuschenvorrat fuer die naechsten 250 km, bis Gaspé ist das hier naemlich die letzte Gelegenheit. Im IGA, dem riesigen Lebensmittelladen, treffe ich spontan Alina und Claudio wieder. Waehrend die beiden bei Warmshowergastgebern untergekommen sind, muss ich noch einige Km weiterfahren um in Petite Matane einen Schlafplatz zu finden. Da der Reifen wieder Luft verloren hat halte ich an einem Shelter (Haute Municipalité), koche hier und treffe Sylvain. Er ist Franzose aus der Bretagne und faehrt hier mit seinem 4000$ Van durch die Gegend. Da die Karre so teuer war, parkt und schlaeft er jetzt immer auf Freiplaetzen. Er schenkt mir einen Gute-Nacht-Eistee und ich rolle nach der Radreparatur um die Ecke und baue hier mein Zelt auf.

06/09/2011

- Tag 70 –

Da die Halte Municipalité sehr guenstig liegt und ich liebend gerne mal wieder in Gesellschaft (und im Windschatten) radeln will, fahre ich frueh wieder hin und warte fruehstueckend auf den Alpenexpress. Die zwei kommen gegen 9.00 Uhr vorbei, zusammen fahren wir es die naechsten 80 km bis St. Anne des Monts. Wir koennen es dank Sonne und Rueckenwind sehr entspannt angehen und machen zwischendurch 1,5 Stunden Mittagspause. Die 80 Kilometerchen vergehen wie im Flug und sind (mal wieder) eine sehr schoene Abwechslung. Zudem biegen Anina und Claudio in St. Anne des Monts Richtung Sueden (Halifax etc.) ab und so war es – vorausgesezt nichts geht schief und wir halten die Landkarte richtig rum – das letzte Wiedersehen, zumindest hier in Canada. Wir teilen uns noch einmal den Campingplatz und einen 6er Bier und waehrend Claudio die Angel auspackt, geniesse ich die Dusche. Vor lauter Aufregung und Vorfreude vergesse ich mein Handtuch, lang-lang ist es her dass ich das letzte Mal geduscht habe =) Die Feuertanz- und Regenklamotten von Métis schreien nach einer Waschmaschine und kriegen hier eine. Die Klamotten sind nach dem Trockner sogar noch warm und ich trotze einer kalten Nacht mit warmen Klamotten und einem Lied auf den Lippen:“ Oh, wie ist das schoen (2x) – so was hat man lange nicht geseh`n, so schoen, so schoen!“

In einer windigen Nacht treibt uns der Wind mal wieder Skunkgeruch in die Nase. Die Aussicht auf das schlechteste Parfum der Welt (an Zelt und Klamotten) hat einen etwas unruhigen Schlaf zur Folge.

07/09/2011

- Tag 71 -

„Sea Shack“

Nach dem windigen Fruehstueck und dem Abschied von Anina und Claudio plane ich den Tag und entscheide mich fuer einen Ruhetag, bzw. will nur 10 km ins uebernaechste Dorf radeln. Hier, so erzaehlte mir der Sohn von Louis und so recherchierte ich im Inet, soll es ein super Hostel geben. In der Vorbereitungsphase fuer den heutigen Abend kaufe ich unterwegs einen 6er und will es mit mathematischen Problemstellungen an diesem Abend einfach halten: 6 geteilt durch 1, das sind 6 fuer mich und die einzige Schwierigkeit besteht darin, auch nach zwei Stunden noch eines zu haben. An einem sonnigen Tag radle ich im Unterhemd und Jondo`s Offbeats auf den Muscheln die entspanntesten 10 km dieser Reise – trotz Mehrgepaeck. In Ruisseau- Castor angekommen weiss ich bereits dass ich heute nirgendwo anders sein moechte. Ich hab`s gefunden: Das Radler-Paradies! Fuer 15 $ darfst du dein Zelt an einem felsklippenumzingelten Sandstrand aufbauen, Volleyball spielen, duschen, in einer echten Kueche kochen und – festhalten! – den Sonnenuntergang im Whirlpool feiern. Die Eingangstuer des Holzgebauedes begruesst Gaeste mit „Hippies use backdoor“ und all die glueklichen Leute die hier areiten (duerfen) gehen hintenrum. Ich auch! Marie-Juhanna erklaert mir die Spielregeln, diese sind nicht schwer zu verstehen: Vorm Whirlpool bitte duschen, gemeinsam duschen wird begruesst und Sex unter der Dusche ist nur von 3.00 nachts bis 8.00 Uhr frueh verboten. Im Sommer kegeln sich hier im „SEa Shack“ die Québecois gegenseitig die Lichter aus, in der Off-Season kommen die Europaer. Ich schwebe ueber das Gelaende, geniesse Strand und Sonne und bereite mich auf den Abend vor. Ich koche mit echter Pfanne, trinke vom meergekuehlten Nass und liege wenig spaeter ausgerechnet mit einer schwaebelnden Karlsruherin im Whirlpool. Mit Kaffee in der Hand lassen wir uns die Torpedodruesen an den Ruecken schiessen und schauen nebenbei in den Sonnenuntergang. Die Strandbar wird aufgemacht und aus den Boxen fluestert erst Bon Iver und anschliessend gibt Coldplay den Befehl des heutigen Abends: „Viva la Vida“! Es ist voellig stressfreier Tag und nur die mal wieder verhedderten Mp3-Playerkabel und die etwas zu hohen Preise an der Strandbar sorgen fuer Unruhe. An der Bar diskutiere ich mit zwei gaspesischen Motorradbikern ueber dies und jenes und werde von dem einen auf einen Scotch eingeladen. Aufgrund der Preise bin ich froh ueber mein 6:1 – Back-up, der Scotch bringt etwas Farbe ins Spiel und oelt das Redegetriebe. Nach einem weiteren Gin Tonic, der lange nicht das ist was aus der Lenaustrasse zu Heidelberg kennt, meine ich auf einmal Bon Iver persoenlich vor mir zu haben. Tatsaechlich sieht der nett trommlende Typ genauso aus, ist es aber nicht. Mit einer Muenchnerin und einer Alt-Hippie-Lady trinke ich das letzte Bier und jeder wankt so in sein Sandstrandzelt. Die schlechtaufgebauten haben Pech, der Wind hat sie mittlerweile auf den Ruecken gelegt. Egal, Reissverschluss auf, Koerper rein, Klappe zu und tschuess.

08/09/2011

- Tag 71 -

Wow, auch wenn ich mich jetzt schon an keinen einzigen Namen mehr erinnern kann, hab ich dennoch alle Strandbar- Dinosaurier der letzten Runde vor meinem geistigen Auge und erinner mich an all die netten die Gespraeche. Die Alt-Hippie-Lady laueft aufgeregt an meinem Zelt vorbei und meint sie haette total schlecht geschlafen weil der Wind ihr ganzes Zelt auseinander genommen hat. Es war wirklich sehr windig und ich war erneut froh ueber mein 6:1-Back-up. Ich habe tief und fest geschlafen und bin doch schon wieder um 7.00 Uhr wach. Ich geniesse den Blick aus dem Zelt, baue ab und habe ein Luxus-Fruehstueck im Hostel. Ich weiss nicht genau wass es ist, aber irgendetwas in mir will heute schon weiterziehen. Dieser gestrige Tag kann nicht getoppt werden und das seit drei Monaten gelebte „Heute hier, morgen dort“ – Prinzip greift auch nach einem solchen Tag. Ein letztes Mal erinnert Cat Stevens – mit Papa`s Worten: „Katze-Steve“ – an die alte Zeit und ihre gestrige Oase bevor ich wieder auf dem Rad sitze und auf der Route 132 immer weiter gen Osten rolle. In Mont St. Pierre hab ich genug gegen den Gegenwind gekaempft, zumal es anfaengt zu nieseln und ich einen netten Platz direkt am Fluss gefunden habe. Noch einmal will ich mein Angelglueck testen, baue mir eine Route und muss erneut einsehen dass es ohne Kurbel keinen Zweck hat. Zudem muss im Nachhinein froh sein dass ich bei meiner missglueckten Blinkerretteaktion nicht mit der Stroemung um die Wette gepaddelt bin. Am Abend regnet es dann richtig und ich trotze ihm mit Lagerfeuer vorm Zelt und warmen Magendarmtee. Vielleicht was falsches gegessen … oder einfach genug vom Regen.

09/09/2011

- Tag 72 -

Ich wache auf und es tropft immer noch auf mein Zelt. Dass ich mich zudem daran erinnere erstmal den Reifen aupumpen zu muessen macht die Situation nicht angenehmer, sondern schreit nach einer (bezahlbaren) Loesung. Ich fahre zum naechsten und einzigen Café, der Dorfkneipe, und bin glueklich ueber die Waermezufuhr. Waehrend es draussen extrem windet und regnet, ziehe ich mir mit der Ue-60-Generation eine Halbzeit Premier League rein. Die Kellnerin meint es regnet den ganzen Tag so , trotzdem schnalle ich die Gamaschen an und ziehe die Schirmmuetze tief ins Gesicht. Alles richtig gemacht – nach 10 km kommt die Sonne raus und ich kann anhalten, Zelt trocknen und Mittag machen. In St. Madelaine de la Madelaine gibt es ein nettes Leuchtturmcafé, so las ich im Lonely und so ueberzeuge ich mich selbst. Wo Tomaten auf der Terrasse wachsen, da muss es schoen sein! Gegen Abend wird es inzwischen richtig kuehl und ich bin froh ueber meine tolle Jacke. Ich fahre noch einige Km und klebe mit den Gedanken irgendwo zwischen der Tomaten-Mozzarellaplatte, dem Zaepfle und dem Grillfleisch fest (Zu Hause ist an diesem Tag Familienfest).

10/09/2011

- Tag 73 -

„BC is back!“

Nachdem ich bereits die zwei letzten Tage schon darauf gewartet habe, heute sollten sie kommen, die Berge der Nord-Ost-Gaspésie. Auch wenn die Beine mittlerweile nicht mehr ganz so frisch sind wie noch am Sunwapta Pass, die Bergziege hat die Anstiege seit Toronto vermisst. Nach Gros-Morne werde ich von gruenen Waeldern, felsigen Waenden und dem gelben Adidasstreifen in der Mitte der einsamen Strasse in den Rad-Olymp entfuehrt. Der Landschaftsbonus ist zurueck und mobilisiert augenblicklich die seit Ontario brachliegenden autonomen Reserven. Waehrend der Geist in den Horizont abdriftet, faehrt der Koerper das stressende Gift der Grossstaedte aus dem Blut. Die Steigungen sind lange nicht so lang wie die BC- Paesse, dafuer sind es in den zwei Tagen unglaublich viele und z.t. sehr steile Rampen (17%!). Der Muesliriegel, der lucky-luke-maessig im Mundwinkel klebt und die Datteln ermoeglichen es der nicht voll aufgepumpten Dampfwalze trotzdem einen Anstieg nach dem anderen einzunehmen. Viele Radler haben mir von dieser Passage erzaehlt, manche von ihnen mussten schieben – ich bin stolz, dass ich mit meinem 60 kg – Geschoss auch die 17 % ohne Zwangsabstieg geknackt habe – wenn auch am Ende mit 5 km/h. Es macht wirklich Spass hier zu fahren, zumal kaum Verkehr ist und ich (es) so alleine geniessen kann. Wenn auch nicht ganz so spektakulaer, das BC-Feeling ist zurueck und seit heute (Ausnahme: Parc du Bic) hat sich die Gaspésie-Schleife auch landschatftlich gelohnt. In Petite Vallée entdecke ich ein noch nicht fertiges Haus mit grossem wilden Garten (Park) und da niemand dort ist, bleibe ich hier. Das Haus garantiert einen schoenen Meerblick mit Sonnenuntergang, vermutlich erfuellt sich hier eine junge, nette Familie ihren kanadischen Traum. In meiner Vorstellung ist das Benny (und Familie!), gerne haette ich hier mit dir noch ein, zwei Dachlatten drangenagelt und hinterher ein (oder eineinhalb) Feierabendbier getrunken. Schade, so muss ich mal wieder alleine essen und am Lagerfeuer sitzen und ja, ich vermisse etwas die Gesellschaft und die Gespraeche. Das gestaltet sich hier leider nicht nur sprachlich doch schwerer als gedacht. An diesem Abend ist der 8 GB Speicher meiner Camerakarte voll, wow, ich tausche sie gegen die alte aus und entdecke auf dieser jede Menge sehr sehr schoene Timbilder und lustige Heidelbergschnappschuesse. Die Heimat, sie ruft in dieser Nacht sehr laut …

11/09/2011

- Tag 74 -

Nach einem sehr schoenen Canada-All-Inclusive-Day, den man so weder buchen noch kaufen kann, sondern nur geschenkt bekommen kann, ist zwar der Cameraspeicher voll – meiner hat noch Platz. Auch der heutige Tag ist einer fuer die Bergziege, die Roleure und Sprinter bleiben farblos im Peloton zurueck. Vor und nach jedem Dorf geht es hier so was von bergauf, dass ich mit meinem Gepuste eine ganze Sodasprudelmaschine ersetzen koennte. Naja so krass ist es nicht, trotzdem muss man hier langsam anfahren um am Ende gerade so ueber den Gipfel zu kommen. Serpentinen kennen sie hier nicht, die Strasse geht kerzengerade und unmoegliche Winkel berghoch. Einheimische Radfahrer gibt es hier so gut wie gar nicht und ich, ich treffe auf meiner ganzen Gaspésieschleife maximal fuenf Tourenradler/innen. Manchmal weiss ich auch warum … Um am naechsten Tag frueh im Parc du Forillon sein zu koennen, bleibe ich die Nacht ueber in Cap des Rosiers und baue hier mein Zelt auf. Das gefeierte Hostel um die Ecke, das 2010 noch vor dem „Sea Shack“ den Tourismprice gewonnen hat (keine Ahnung wie das gehen soll!) , ist mir an diesem Abend zu teuer und etwas befiehlt mir, dass die „Seashack“-Nacht einmalig bleiben muss.

12/09/2011

- Tag 75 -

Punkt halb 8 bin ich als einer der ersten am Park-Gate und muss mich, weil es mal wieder regnet, erstmal im `Centre d`interpretation`verschanzen. Dank eines netten und englischsprechenden Rangers kann ich mich hier unterhalten und bekomme einen kostenlosen Kaffee. Gerne haette ich mir diesen Park , es soll der schoenste in Québec sein, genauer angeschaut, aufgrund des Regens verliere ich aber die Lust dazu. Zudem – und das ist ein ganz neues Gefuehl – zieht es mich nach schoenen aber anstrengenden Tagen wieder in die Stadt und ich moechte heute noch Gaspé erreichen. Vorher wartet aber noch ein krasser Anstieg im Forillon, es geht den Nordzug der Appalachen hoch. Ich muss mal wieder Reifen aufpumpen, schiebe zwei Datteln nach und gebe dem Ofen Feuer. Die Regenwolken bleiben am Appalachenzug haengen und so muss, wer heute noch Gaspé erreichen will, ich da im Nieselregen hoch. Nach einem steilen Part kommt noch ein kleiner Widerhaken und und schon bin ich drueber und geniesse mit der Sonne eine tolle Aussicht und einen netten Rastplatz. Obwohl direkt nach dem Forillon schon Gaspé auf den Ortsschildern steht, ist Downtown noch 70 km weg -das zermuerbt etwas. Unterwegs unterstuetze ich ein nettes Kuenstlercafé und hab`s dann nach einem weiteren Anstieg doch irgendwann geschafft. In Gaspé angekommen, frage ich mich allerdings wo hier `Downtown`ist und muss feststellen, dass Gaspé so viel Grossstadt ist dass der HBF nur dreimal die Woche 2 h aufmacht und die Bibliothek erst morgen wieder 2 h geoeffnet hat. An der Bruecke gibt`s aber ein nettes Café mit freiem Internet, was mir allerdings beim Fahrscheinkauf nicht viel weiterhilft. Mit der Dame vom Touribuero versuche ich irgendwie auf einen sprachlichen Nenner zu kommen, was aber leider misslingt. Haben sie hier etwa nur franzoesischsprechende Touristen, denke ich, oder gar keine?

Ich bin etwas irritiert, gehe einkaufen und fahre, weil die Zugfahrkartenplaene erst in zwei Tagen verwirklicht werden koennten, einfach weiter Richtung Sueden. Ich finde die Route Verte wieder und fahre auf ihr aus der Stadt raus bis ich an einen schoenen Waldarbeiterplatz komme. Hier liegt auf jeden Fall genug Holz fuer ein kleines Feuer! Zur Feier des Tages gibt`s zum Reis heute frische Paprika und richtiges Putenfleisch an einer Currysauce der Extraklasse. Dazu ein Bierchen und ein Feuer das die Haende waermt und fertig ist der kleine, der einfache kanadische Traum.
Nur der Vollmond, der in dieser Nacht scheint, wird wohl nie so ganz der Freund des Wildcampers! Seine letzte Aufgabe ist es, genau so viel zu trinken, dass es fuer die koerpereigene Feuerwehr reicht und er trotzdem nicht 10 mal aufstehen muss in der Nacht. Done! Ein extrem klarer Sternenhimmel animiert zur Genickstarre, grosser Wagen und Cassiopeia sehen von hier aus aber auch nicht anders aus.

13/09/2011

- Tag 76 -

Auf gutriechenden, verharzten Baumstaemmen geniesse ich an diesem schoenen Morgen, nur von Wald umgeben, meine Croissants und es haette einen schoeneren Start zur Ankunftsetappe in Percé kaum geben koennen. Percé ist das oestlichste Ziel das ich erreichen will und liegt etwa auf Vancouverhoehe, sodass ich meine Tour am Weststrand angefangen, und am Oststrand beendet habe. Doch diese Tour ist nicht die Tour der einfachen, der leichten, schoenen Ankunftsetappen – die Ankunftsetappen dieser Tour wollen erkaempft werden. Wie schon auf dem Weg nach Jasper habe ich auch heute extremen Gegenwind und das ueber eine Distanz von 80 km. Der Meerwind blaest hier unerbittlich und ich zweifle langsam stark an der einheimischen Theorie, dass sich die Windrichtung hier auch manchmal aendert. Eine Woche lang sollte ich hier jeden Tag in die richtige Richtung und doch komplett in die falsche Richtung fahren. Und ganz ehrlich, auch wenn ich heute in einer netten Studentenwohnung auf der Couch sitze und mir der Regen so gar nichts ausmacht, dieser Wind hat mir buchstaeblich den Wind aus den Haaren genommen. Ok, meine mittlerweile verschroebene Fokuhilafrisur sehr mitgenommen aus, vom Winde verweht – maessig eben, nein, der gaspesische Gegenwind kann das Radfahren ungeniessbar machen und hat mir etwas die Lust am Radeln gestohlen in diesen Tagen. Waehrend die Beine nach wie vor gut sind,
leidet das Material mittlerweile doch erheblich: Jeden Tag habe ich einen Platten, jeden Tag diesselbe *****. Der Schwabe (in mir), der keinen neuen Marathon Plus kaufen will, zweifelt stark an seiner Theorie und doch war das Problem ein anderes. Ein kleiner gemeiner abgebrochener Nagel steckte die ganze Zeit im Mantel und er war der Grund fuer diese Sissiphosarbeit! Unzaehlige Besuche in Radlaeden, etliche Flicken und Pumpstops machen aus mir einen schnellen Reifenwechsel, man schlug mir vor mich bei der Formel 1 als Boxenreifenwechsler zu bewerben.

Die `letzte Etappe` kann ich kaum geniessen, im Gegenteil, ich muss nochmal richtig arbeiten. Zumal ich mit meinem Kanusack, der ungefaehr so aerodynamisch ist wie Rainer Calmund, und einem nicht ganz aufgepumpten Reifen auch noch Materialprobleme habe. Wie gesagt, mir verging mit der Lust am Radfahren auch die Lust an den Schnecken im Zelt, den Moskitos in der Nase, den Tieren die um mein Zelt schleichen, der naechtlichen Schlafplatzsuche, den Leuten mit denen die Kommunikation so schweirig ist, den viel zu schnellen und ruecksichtslosen Autofahrern und den zu hohen Preisen. Doch vermutlich habe ich auch diese Tage gebraucht, sie machen mir den Abschied von meinem Fahrrad und dem Heute-hier-morgen-dort-Rhythmus erheblich einfacher. Waere dem nicht so (gewesen), waere das Tourende weit schwerer und ich koennte noch 3 weitere Monate durch dieses Land radeln – Platz genug ist allemal, allerdings ist der Winteranbruch jetzt schon spuerbar und ein kanadischer Winter erfordert Schneeschuhe, Schneemobil und Husky statt einem Fahrrad. Als ich voellig ausgepowert und lustlos mal wieder wegen zu wenig Luft im Reifen anhalten muss, schenkt man mir eine Konversation. Antoinne aus Montréal trinkt mit Familie am Autorastplat guten Wein und ich bin der Auserwaehlte der probieren darf. Und tatsaechlich, nicht wegen den Promille, sondern wegen einer netten Konversation geht es anschliessend etwas leichter. Vor Percé wartet der letzte grosse Anstieg und den ueberfliege ich im Pantanistil, stehend und auf einmal wieder locker flockig . Der Rocher Percé laedt zu einer Fotosession ein, ich erkunde das Touristendorf und treffe Caroline, eine nette Tourenradlerin aus Québec. Ich frage sie ob wir uns ein Campsite teilen wollen; ich hab heute mal wieder Lust auf eine Dusche. Sie ist genauso eher Wildcamperin und so verschieben wir die Dusche auf morgen und teilen uns einen netten Wildcampingplatz – direkt und fast schon dreist in Front des Rocher Percé. Am naechsten morgen, fuenf Uhr, werden das sehr schoene Sonnenaufgangsfotos!

1409/2011

- Tag 77 -

Caro hat ihre Wohnung aufgegeben und verbindet (weil sie das hier in Québec nicht studieren kann) ihre Arbeit (Oekeohaeuserrecherchen und Informationsnetzwerke etc.) mit ihren Radtouren. Sie hat zwei gute Survivaltipps fuer mich und ich checke gleich den ersten aufs Exempel. Im Campingplatz zahle ich fuer eine grosse Dusche 50 Cts und fruehstuecke anschliessend mit ihr , zur Feier eines sonnigen Tages gibt`s ne frische Orange ins Muesli. Nach doch eher anstrengenden letzten Tagen schreit der heutige Tag endlich wieder nach der Power-Sonnenbrille und T-Shirt, die Lust aufs Radeln ist zurueck und trotz etwas Gegenwind ist es ein ganz anderes Fahrgefuehl heute.

Martin Jondo begleitet mich mal wieder, vorbei an Straenden und Meer fahre ich bis Pabos und werde hier von einem Typ im anhaltenden Truck angesprochen. Welche Nationalitaet ich habe und wie alt ich bin, fragt er mich. Er hat ein riesiges Haus und einen noch viel groesseren wilden Garten (besser: Nationalpark) , er meint ich koennte dort uebernachten und dafuer etwas mit ihm im Garten arbeiten. Da ich viel viel Zeit habe und mit dem schoenen Gefuehl einer Nationalmannschaft die im Finale bereits mit 6:0 fuehrt, d.h. ihr Ziel bereits erreicht hat, durch die Gegend radle, sage ich ja und fahre hinter seinem Jeep her. Lorenzo ist 64, war Chef eines Hospitals in den NW-Territories, dann Alkoholiker, dann mit einer Millionaerin verheiratet und geniesst jetzt, nachdem er vom Alkohol wieder ins Leben zurueckgefunden hat und nur gearbeitet hat das Leben. Sein `process of retirement` gestaltet er so, indem er in Thailand (…) und hier in seinem Garten ein Backpackerhostel bauen will. Wir fahrn mim Auto in die Stadt, ich kaufe drei Bier und anschliessend zeigt er mir sein Gelaende. Er zeigt mir, dass man mit dem krassen Vierradgefaehrt zu schnell und ueber extrem grosse Wurzeln fahren kann, zeigt mir was zu tun ist und als ich meine dass ich schon mal fuer Landschaftsgartenarbeiten Geld bekommen habe, bin ich genau sein Mann. Wir machen Lagerfeuer und sitzend, uns gegenseitig unsre Lebensgeschichte erzaehlend, am Feuer, er trinkt Cola, ich trinke Bier, gemeinsam stecken wir drei verlaengerte Fackeln an. Mit niemandem hatte ich hier ein intensiveres Gespraech, niemand sagte Dinge wie er. Z.t. sagte er was ich dachte und ich sprach aus worueber er gerade nachdachte – diese Momente und unsre Themen waren so frei raus, so ehrlich, so open-minded, so native, so gut und hier, mit ihm, in dieser Nacht habe ich einige Antworten fuer mich und diese Reise gefunden. Eine unglaubliche Kraft verbindet uns und beide geniessen wir hier die abgelegene kanadische Ruhe und hoeren nur das Knacken des Feuers und Waldgeraeusche, mit seinen Worten: „Don`t think so much about the past or the future, live and be your present moment right now – just enjoying life, be here“. And i came to be!

Ich will diesen Abend um nichts in der Welt missen doch was nach 24.00 Uhr passiert, so schoen und faszinierend der erste Teil des Abends war, so unglaublich, so extrem bizarr wurde er im zweiten Teil. So wenig wie eine Camera Momente einfangen kann und nur (Ab)bilder ablichtet, so wenig kann das hier niedergeschrieben werden – dieser Teil muss LIVE nacherzaehlt werden!

15/09/2011

- Tag 78 –

`Take a hand, take the land`- maessig kann ich in seinem Haus und Garten machen was ich will und kann ebenso bleiben so lange ich will. Er faehrt mich zum HBF und ich kaufe mein Zugticket mit dem VIA-Credit den ich noch habe . Ich will noch bis Bonaventure fahren und von dort, am kommenden Montag, zurueck nach Québec City fahren. Er will dassich bleibe, da die gestrige Nacht aber so abstrus geendet ist, biege ich es so hin, dass ich noch am selben Tag weiterfahre – ansonsten waere ich tatsaechlich gerne noch etwas geblieben und haette mit ihm noch etwas die Arbeit geteilt. Bis Bonaventure sind es nur noch 80 km oder so, “ es koennt`doch, so einfach sein, isses aber nich`“!

Nach zwei Stunden Kopfkino und der Rekonstruktion des gestrigen Abends halte ich an einem Rastplatz, koche waehrend des Regens in im Toilettenhaus und schreibe, schreibe, schreibe. Ein grauhaariger Mann kommt auf mich zu und laedt mich zu sich und seiner Frau auf Pancakes in ihr kleines, altes Wohnmobil ein. Es sind Norrie und Rose aus Schottland die hier mit ihrem Museum fuer drei Wochen rumtuckern, zwei sehr nette, herzliche PFADFINDER! Trotz ihres fortgeschrittenen Alters erzaehle ich , nach einer kurzen Vorwarnung, von gestern Abend (es beschaeftigt mich immer noch), die beiden nehmen es wie es kommt, wir reden und lachen viel und ich bin froh nicht draussen in meinem dunklen Zelt sitzen zu muessen. Als mir Rose erzaehlt dass `Braveheart`nicht in Schottland gedreht wurde zerbricht eine Filmwelt, egal, die beiden laden mich natuerlich zu sich ein und machen mir einen Schottlandtrip – erfolgreich – schmackhaft (was nicht schwer ist).

Nach dem Tee (logischwerweise mit Milch) verabschiede ich mich ins Zelt und darf die letzten Pancakes fuer morgen frueh mitnhmen. Die Nacht ist mal wieder eine ungemuetliche: Ein Skunk hat einen Kampf mit einer Katze, ungluecklicherweise hinter meinem Zelt. Fuehlen sie die Viecher bedroht, … auch wenn mein Zelt nichts abbekommen hat, es war graesslich und 1h lang war an schlafen nicht zu denken.

16/09/2011

- Tag 79 –

Als ich aufwache steht das schottische Wohnmobil noch am selben Platz. Ich esse und unterhalte mich nochmal bzw. warte mit ihnen bis ihr Motor anspringt.Der Gegenwind ist heute so krass dass er mir die volle Breitseite gibt, unentwegt wischt er mir eine nach der anderen und fegt mich fast von der Strasse.

Am vermeintlich allerletzten Tourtag erlebe ich nochmal alle Auf und Ab`s innerhalb von 24, bzw. 48 h sodass ich Bonaventure doch erst am naechsten Tag erreichen soll. Um geradeaus zu fahren muss ich den Lenker nach rechts ziehen, so stark powert er. Ihn anschreien bringt natuerlich nichts, trotzdem versuche ich ihm dadurch irgendwie Angst einzujagen, jedoch ohne Erfolg. La mère terre antwortet direkt mit noch heftigeren Boen, ich gebe mich geschlagen und kaempfe mich im Frustrationsmodus Kilometer fuer Kilometer, bzw. Zentimeter fuer Zentimeter voran. In einem Café halte ich an und entdecke auf dem Ladentisch frische Kamillenblueten, genau das richtige Nervenberuhigungsmittel denke ich und schlage zu. Als ich aus dem Canadien Tire rauskomme, habe ich hinten und – das erste Mal – vorne einen Platten. Im Canadien Tire gibt`s zwar Fahrradschlaueche, nicht aber die die ich brauche. Meine Patches sind bis auf einen aufgebraucht und auch nach einer einstuendigen Flickaktion in der Autowerkstatt ist der Reifen immer noch platt. Noriie und Rose, das schottische Ehepaar, haben auch Probleme mit ihrem Gefaehrt (der Kuehlschrank taut auf) und sie Laden mich zum nervenberuhigenden Lunch in ihr Wohnmobil ein. Spargelessend und Toasts geniessend sitzen wir waehrend des naechsten Regenschauers in ihrem Wohnmobil, mitten auf dem Parkplatz des Canadien Tire`s. Mal wieder war das genau der richtige Zeitpunkt um sie wieder zu treffen!

Mein Reifenproblem ist hier unloesbar, der naechste Radladen ist weiter entfernt – ich brauche nach diesem Tag unbedingt ein Bier, aber auch das ist weiter entfernt und so laufe ich, mein 60kg Rad schiebend, einfach los. Diese Aktion mit einem Wort zu beschreiben ist schwer, mir wuerde spontan „Hoechststrafe“ einfallen. Es macht wirklich kein Spass und die 5 km ziehen sich endlos. Es wird bereits dunkel, weit und breit kein einziger Laden fuer ein Bier und kein Campplatz. Endlich, ein Typ im Auto haelt an und hat Mitleid mit einem gequaelten Blick, er meint dass der Radladen nur noch 500 m weg ist – ich hab`s tatsaechlich noch geschafft, super. Extrem nette Leute eines symphatischen Radladens helfen mir und meinem Rad wieder auf die Beine und erwaehnen nebenbei dass heute Nacht ein Hurricane, gar nicht weit weg (um Gaspé), angekuendigt ist. Das erklaert den krassen Gegenwind tagsueber (!) und sie raten mir heute Nacht nicht draussen zu schlafen, bzw. das Zelt hinter Baeumen zu verstecken und auch nicht mehr weiter zu fahren. Tatsaechlich wird der Wind von Minute zu Minute staerker und ich bin froh ueber einen netten Campingplatz in New Carlisle, direkt gegenueber gibt`s auch noch ein Bier fuer mich. Im Toiletten- und Duschgebauede ist es warm, nicht windig, und ich bin sau froh hier zu sein. Waehrend draussen Baeume wanken, Scheiben klirren und der Wind wie in einem Horrorfilm zischt, koche ich hier Chilli con Carne, dusche und feier mein Hotel nach einem anstrengenden Tag. Weil Licht brennt, werde ich vom Campingplatzbesitzer ertappt – dummerweise macht er anfangs einen sehr schraegen Eindruck. Ich bezahle (einen guten Preis) und anschliessend bietet er mir tatsaechlich an in ihrem Wohnwagen zu uebernachten. Er und seine Frau betreiben den Platz und wohnen in einem sehr schoenen alten Traditionshaus das jederzeit renoviert werden will. Ihr Wohnwagen steht hier fuer Gaeste – wie mich, natuerlich nehme ich an und mein Zelt dankt mir dass es sich nicht der Zerreissprobe des Hurricane-Auslaeufers stellen muss. Was fuer ein Tag, dreimal werden Wille, Geduld und Kraft auf die Probe gestellt und jedes Mal kommt dir richtige, harterkaempfte Antwort. Der Bierdurst und die Willenskraft erkaempfen sich an diesem Tag das Erreichte und kriegen zur Belohnung eine Nacht im Wohnwagen geschenkt. Auf dem Tisch steht sogar noch ein Heizer, was ich sehr begruesse. Es wird mittlerweile richtig kalt nachts. Nicht im Wohnmobil!

17/09/2011

- Tag 80 -

„yipieeh Hippie im Tepee“

Um neun bin ich startklar fuer die allerletzte Etappe dieses Sommers. Bonaventure ist das naechste Dorf, nur noch 13 km entfernt. Gestern Abend meinte die Platzbesitzerin dass sie mir gegen 9 Uhr ein Fruehstueck macht und so klopfe ich natuerlich an die Tuere um rauszufinden wie das gemeint war. Sie erzaehlt viel ueber ihr Haus und fraegt mich ueber meine Tour aus. Nebenbei macht sie mir einen genialen Fruestuecksteller (Ei, Schinken, Melone etc.) und einen Kaffee – fuer umsonst! Nach der kurzen Hausfuehrung gibt sie mir auch noch selbstgebackene Maisbroetchen mit, ich bin also auf den lezten Kilometern gut versorgt. Der Gegenwind blaest auch heute noch, zwar nicht mehr ganz so stark wie die letzten zwei Tage, dennoch ist es Arbeit. Zumal mit einem erneut halbplatten Reifen … Die 13 km sind erstaunlich lang, zumal das Ortsschild von Bonaventure nochmals 10 km vom Zentrum entfernt ist. Das schwarzwaelder Glottertal ist ein Witz dagegen, kanadische Dimensionen und Entfernungen sind ueberdimensional und koennen dich an schlechteren Tage zermuerben. Irgendwann ist`s geschafft und ich feier die Ankunft mit zwei Fotos vor dem Ortsschild – so richtig glauben dass ich die naechsten zwei Tage nur aufs Rad steige um innerhalb des Dorfes rumzufahren und keine Strecke machen muss kann ich es noch nicht. Freuen tue ich mich allerdings sehr darauf. Hier gibt es neben einem Tierpark, einen Fischereihafen, ein Outdoorzentrum und einiges mehr womit man sich die zwei Tage bis zur Zugrueckfahrt fuellen kann. Weil ich das „Cime Aventures“, so heisst das Outddor-Camp, unbedingt sehen will (auch wenn ich mir eine Nacht dor nicht geleistet haette), mache ich mich gleich auf den Weg und fahre ca. 10 km ins Landesinnere. Das Gelaende liegt an einem schoenen, kanadisch-klaren Lachsfluss und vereint Kanutouren mit Camping, Tipis, Baumhauschalets und Poolparties. Weil bereits Off-Season ist ist allerdings wenig los, was ueberhaupt nicht tragisch ist, im Gegenteil. Ich komme an, stelle mein Rad ab, stehe hinter einer Bus-Touristengruppe die Kanuguides gebuacht haben und gerade eine Einfuehrung vom Chef persoenlich bekommen. Als der mich in meiner mittlerweile etwas zerrissenen Ziphose sieht und anerkennend mit den Mundwinkeln zuckt als er mein Rad erspaeht, fraegt er: „Are you with them?“. Ich verneine natuerlich und er meint: „Ok, take a Tipi, it`s free for you!“ Ich hoffe richtig verstanden zu haben und rede mit einem Guide, der meint: „Really? I think that was a joke. He only says that when he`s drunk – and it`too early to be drunk.“

Mhm, ich warte ab und erkunde in dieser Zeit das ganze Gelaende. Ich mache viele Bilder, man weiss ja nie, vielleicht sind 10 Lehrerberufsjahre genug und es wartet genauso ein Projekt darauf verwirklicht zu werden. Be prepared! Anschliessend treffe ich Gille, den Chef, wieder und er bestaetigt: „Yes, it`s free, take it, there a a several numbers of lucky persons – you are on of those today!“. Als er wegfaehrt mache ich Luftspruenge, gehe stolz zum Guide, nehme den Schluessel zum Tipi entgegen und bin gleucklich. Ich hatte nicht mehr daran geglaubt auch diesen Wunsch noch erfuellt zu bekommen! Der Guide bietet mir an Feuerholz zu kaufen aber das letzte was ein Pafdfinder macht ist Geld fuer Feuerholz auszugeben. Zumal in einem Land wie Canada, in dem nach 3 Metern in den Wald massig Holz wartet. Mit dem besten Taschenmesser der Welt zersaege ich stolze Balken, hab ja Zeit, und mache genug Holz fuer ein Koch- und Chillfeuer. Puenktlich zum Sonnenuntergang sitze ich mit dem gekauften Cidre ganz alleine am wilden Fluss und geniesse das Nichtstun. Uebergluecklich denke ich an die Worte von Andrée, der Nativefrau im Québecer Touribuero: “ If you aks the right questions, you`ll always get the right answers. Be open, be you, be self-confident, give and enjoy that`s what given to you!“ True!

Zur Feier des Tourendes hab ich Fisch gekauft, im halbdunklen Tipi und auf dessen Feuer koche ich an diesem Abend den besten Fisch den ich vermutlich je gekocht habe. Mit Reis und Paprika in einem Wrap eingewickelt schmeckt er hervorragend und passt auch noch zum Cidre. Der Indianer feiert diesen Abend europaeisch und trotzdem, ist nicht nur der suesslich duftende Kraeutermix native. Hier koche ich auch den beruhigenden und das Tipi einhuellende Kamillentee. Waehrend ich waherenddessen mal wieder meine Mundharmonika auspacke und spiele (besser: ausprobiere), stelle ich mir vor, dass mein Viererbetttipi in dem ich gerade ganz alleine sitze, bis oben hin vollgestopft ist von lieben tollen Menschen und Freunden. Fabs zupft begleitend die Gitarre, Caro singt die Bridge, Sashmo vermoebelt die Cajon und alle zusammen haben wir refrainsingend und ums Tipifeuer tanzend die beste Party seit langem. Als ich die Mundharmonika wegpacke, merke ich dass ich alleine in einem dunklen Tipi sitze, stuelpe mich in den Schlafsack und schlafe mit dem Blick auf die restliche Glut gerichtet irgendwann ein.

18/09/2011

- Tag 81 -

Die Glut ist aus und es ist trotz verstaerkter Tipiwand saukalt als ich aufwache. In der Sonne mach ich Fruehstueck
und schreibe Gille, weil er weg ist, eine Dankesnachricht. Anschliessend rolle ich zurueck Richtung Bonaventure. Unterwegs winkt mich ein Auto an und sensationellerweise treffe ich hier, mitten in der Pampa, Gille aus Coteau-du-Lac wieder. Er und Frau besuchen hier Verwandte, wir stehen baff auf der Strasse, freuen uns und sind uns mit dem bekannten Satz einig:“ It`s a big big country, but sometimes a small village.“ In Bonaventure angekommen, allein dieser Name ist schon schoen genug, radle ich zum » Parc d`animalier de la Gaspésie, Le Bioparc« und habe hier den ganzen Tag, d.h. von 12.00 – 16.30 Uhr, um mir meine alten Kameraden, Nervensaegen, Fruehstueckspartner und Wegbegleiter aus der Naehe anzuschauen. Black Bears, Skunks, Rackoons, Moose, Cougars, Eagles, Caribous – alles was hier lebt ist da, zudem ist der Park fuer Parkverhaeltnisse sehr nett gemacht. Was gibt es schoeneres als am Sonntagmittag mit einem guten Vesper im Gepaeck Tiere zu erforschen. Nichts, ausser eine nun fast schon zweijaehrige Begleitung!

Am Abend nutze ich erstmals die Vorteile eines Radlers gegenueber grossen Campers und ebenso die Vorteile der Off-Season. Nach einem letzten genialen Sonnenuntergang am Meer und hier gemachten Dankesbildern, die ich all denen schicke werde die mich hier aufgenommen und mir das alles hier mit ermoeglicht haben, schlage ich mein Zelt ein letztes Mal auf. Am naechsten Tag um 19 Uhr geht mein Zug nach Québec City zurueck, ich freu mich drauf. Den Tag verbringe ich mit Internet, Cafégesitze, schreiben, warten und essen.

19/09/2011

- Tag 82 –

Als Reiseproviant schnappe ich mir das letzte Arizona aus dem Regal, kaufe Batterien fuer die fetten Beats im Handgepaeck und bin sehr gespannt was mich erwartet. Weil ich meinen Credit ueber 160$ ausgeben musste, hab ich First Class, Sleeper, Einzelappartment gebucht. Waehrend ich von Jasper bis Toronto ja dank Anina und Claudio`s Schleuserkuensten schon mal 1st Class-Atmosphaere schnuppern durfte, checke ich als ich drin bin erst einmal alles Funktionen und Knoepfe. Ausklappbares Bett, ausklappbares Waschbecken, Ventilator und unappetitlicherweise ein eigenes Klo direkt unter dem ausgeklappten Bett. So nett dass hier ist, man kommt sich ein wenig vor wie in Einzelhaft – alleine aufs Klo gehen ja, abgeschottet Zug reisen foerdert aber nicht unbedingtdie Sozialkompetenz und macht auf Dauer keinen Spass. Da ich ueber Nacht fahre bin ich trotzdem froh ueber mein Bett und liege halbwach in der Waagerechten und sehe den vorbeifliegenden Lichtern zu. So macht das Zugreisen Spass und z.t. versteht man erst hier die ein oder andere Werbung der Bahngesellschaften. Werbeschilder mit „Einfach reisen“ versteht man erst, wenn man so was mal in seinen Erfahrungsschatz einsortieren konnte. Bevor mich jemand davon abhalten kann, bin ich schon unter der Dusche. Diese ist nichts fuer Menschen mit Standschwierigkeiten, es wackelt und alle Koerperteile werden beansprucht um hier die Balance zu halten. Trotzdem ist sie warm, nass und tut gut – der Zugfuehrer schaut etwas unglaeubig weil ich direkt in die Dusche springe, als ich im mein Ticket vorlege wuenscht er mir eine gute Fahrt. Die hab ich, den Kaiser entthront heute niemand mehr.

20/09/2011

- Tag 83 -

Ich wache um 5 auf als es an die Tuer klopft, Zeit aufzustehen, Charny BF. Es gibt keine direkte Zugverbindung nach Québec City, deswegen muss ich hier raus und 20 km Radfahren. Regen empfaengt mich und die Lust aufs Rad zu steigen haelt sich in Grenzen. Im ersten Fastfoodrestaurant mache ich gleich eine Regenpause und schreibe. Weil es nicht aufhoert bereite ich die Gamaschen auf ihren Einsatz vor und kaempfe mich durch Nebel und Regen. Trotzdessen freue ich mich als ich bereits direkt nach der Pont du Québec gleich wieder weiss wo ich bin. An einem kleineren Anstieg zur Bruecke zeigt mir ein betagter stolzer Québecois auf seinem Rennrad was es heisst ohne 60kg diesen Anstieg hochzusprinten. Obwohl ich nicht ganz langsam bin zeigt er mir sein Hinterrad. Nach einer schnellen Telefonkonferenz zwischen Gehirn, Schaltzentrale und Muskeln zeige ich ihm, was es heisst bei der Abfahrt 60 kg plus zu haben und dass man mich nicht einfach so abhaengt. Die Fanfare blaest zum Konter.Im Nieselregen liefern wir uns ohne Worte ein Duell das keine roten Ampeln kennt. Auch wenn ich anschliessend esrtaml 20 Minuten auf der Parkbank gelegen bin, habe ich ihm doch gezeigt, dass es nicht nur stolze Québecois gibt sondern dass es auch stolze deutsche Bergziegen gibt die den Indianer im Herzen tragen!

Es ist schoen in eine Stadt zu kommen die ich schon kenne; ohne ueber Los zu fahren radle ich in die Bib, bin dort nass bis auf die Unterhose und muss mich erstmal umziehen. Zudem hab ich wieder einen Platten und – der ist fuer dich, Niko – fast konnte man meinen Tob1 hat einen Plattenvertrag! Im MEC findet ein netter Typ endlich den Grund fuer die 20 Platten in den letzten zwei Wochen, etwas spaet aber trotzdem cool. Am Abend fahre ich wieder zu Marie`s Appartment, bei ihr kann ich tollerweise bis zum Abflug wohnen. Es ist schoen sie wieder zu sehen und als es regnet, bin ich auf der richtigen Seite der Fensterscheibe.

21/09/2011

- Tag 84 -

Marie nimmt mich auf dem Weg zu ihrem Praktikum im Auto mit Richtung Wendake, hier will ich eine Tasse kaufen die ich beim letzen Mal nicht gekauft habe (schlecht z transportieren). Leider leider finde ich diese eine Tasse in keinem der fuenf von mir ab gegrasten Wendakestore`s und kehre ohne zurueck. Nach dem Essen fahren Marie und Ich zum Ultimate Frisbee. Sie spielt hier im Battlefieldspark woechentlich mit Freunden und erklaert mir kurz netterweise noch die Regeln. Hier, wo ich auch schon mal ne Nacht mein Zelt versteckt habe, ist die Aussicht grossartig, die Gruppe sehr nett und das Spielen macht richtig Spass. Zudem mal was anderes als Radfahren. Verschwitzt wickeln wir uns ein, verstecken die Haut vor den Black flies und gehen in einem netten Pub noch mehrere Bierchen trinken. Heute ist Mittwoch, planmaessiges `Ninkasi`-Live-Drumming-Event, allerdings ist heute nicht so viel los wie letztes Mal. Marie erzaehlt mir was von `schuechtern`, legt anschliessend aber eine beeindruckende Solo-Show hin – mir scheint an diesem Abend leider etwas die vom Sattel antrainierte Hornhaut am Stuhl zu kleben, irgendwo auf dem Weg zum heutigen Abend hab ich die Energie verloren. Aergerlicherweise ist das total der falsche Tag fuer so was, und mir tut es ihr gegenueber etwas leid. Da sie mir aber kochtechnisch vertraut und sogar einen Zweitschluessel gibt, kaufe ich ein und koche am naechsten Tag fuer uns. Das Kochen mit grossen Messern in einer tollen Kueche zu Partymusik wird zelebriert, allerdings war der Tipifisch etwas besser als der heutige. Egal, wir haben auch so einen witzigen Diashow- Abend.

22/09/2011

- Tag 85 –

Fuer die letzten drei Tage hier sollte hier noch ein ganz besonderes Bonbon auf mich warten und im Nachhinein, haetten diese besser nicht sein koennen. Marie und Freune/innen haben fuer das Wochenende ein Chalet in der kanadischen Wildnis klargemacht und ich bin eingeladen! Das Haus gehoert dem Onkel von Naomi und liegt etwa 3 Autostunden von Québec City weg. Am Abend treffen wir uns alle, verteilen die Leute auf die zwei Autos und halten das erste Mal im SAQ, dem Alkoholladen fuer die besonderen Wuensche. Nachdem sich hier jeder selbst- und gleichzeitig fuer die anderen mitversorgt hat, geht es weiter in Richtung Trois Rivières vorbei und von hier aus nur noch auf kleineren Strassen durch den Wald. Wie kleine Kinder, die warten dass der Vorhang vom Kasperletheater endlich aufgeht, sitzen wir im Auto und warten darauf das Haus sehen und entdecken zu koennen. Nach 3h Autofahrt ist es bereits dunkel als wir ankommen, umso spannender ist das entdecken. Hier draussen ist ausser uns niemand uns als die Motoren ausgehen uebernehmen die Voegel die musikalische Untermalung. Das grosse Holzhaus, in dem alle 10 Platz in einem Bett finden, wartet am Ende einer grossen Wiese und nach den drei Treppen zur Sonnenterasse stehen wir in einer kleinen netten Kueche und haben Einsicht in Speisekammer, Chill-Out-Sofas und Musikzimmer. Man lernt sich kennen, teilt sich das kalte Buffet und trifft sich anschliessend am Lagerfeuer. Bis um 5 wird hier erfolgreich die Muedigkeit der Autofahrt mit SAQ-Fluessigkeit vertrieben. Fabien`s Gitarre und die passenden russischen Gypsy-Folk-Songs die er spielt sind der Soundtrack fuer einen grandiosen Auftakt!

23/09/2011

- Tag 86 –

Trotz der Nachtschicht gestern trudeln die gluecklichen Gaeste nicht zu spaet und nach und nach zum Fruehstueckstisch. Den ersten Kaffee geniesst man am besten sonnenbeschienen auf der Veranda. Nachdem sich hier die Augen an das Tageslicht gewoehnt haben und der Hinterkopf akklimatisiert hat schnibbeln wir allerlei Zeugs und zelebrieren ein endloses `Grand Déjeuner`. Anschliessend wird das Drehbuch von Minute zu Minute neu erfunden. In einer einzigen Sommer-Sonne-Ferienblase schwebend darf man sich nun zwischen Musikzimmer (Gitarren, Klavier, Geigen, Floeten, Drums), Wiese (Frisbee, Fussball etc.), Veranda (lesen) und dem 1km weit entfernten See (schwimmen, Kanu oder Tretboot fahren) entscheiden. Nach einem vielseitigen Tagesprogramm ruft uns ein Gitarren und Geigenduett wieder zum Lagerfeuer. Heute kommen mit dem Onkel und dessen Frau plus einem weiteren Freund noch drei weitere Leute und zu einem tollen Dinner trifft sich diese internationale Gute-Laune-Familie auf 13 Stuehlen. Am Lagerfeuer diskutieren Québecois, franzoesische, spanische und deutsche Wurzeln ueber dies und jenes. Was mich betrifft, so muss ich doch sehr konzentriert auf die Mundwinkel schauen um den schnellen Wortfetzen folgen zu koennen. Und wenn der deutsche Jaegermeister, der hier an den kanadischen Lagerfeuern gerne mal seine Runden dreht, wieder bei mir ankommt, hat mein konzentriertes Franzoesischfolgen fuer vier Schluecke ein Ende. Mit jedem Schluck mehr … von zwei Gitarren und einer Geige begleitet beginnen Marielène und Al mit schoenen aber nicht leicht zu verstehenden Québecois Folksong- Duetts, im Uebergang einigen sich Alexis und Ich aunausgesprochen auf Beatboxbeats die dank des Jaegermeisters und der gegenseitgen Sympathie erstaunlich gut flowen. Waehrend unser dopppelter Beatboxboden variabel konstant bleibt, aendert sich nur die Musikrichtung. Von Québecois Folk ueber russischen Gypsy bis hin zu afrikanischen Sologesaengen ist alles irgendwie vertreten, alles passt, nichts ist falsch an diesem Abend.

Abspann

Als der Wolf heult werden die letzten Marshmellows und Wuerstchen gegrillt und der Maple- Rum schickt nach und nach wankende Helden in die Kojen. Was fuer ein Abschlussabend! Die nicht ganz so einfachen Gaspésie – Momente der letzten Zeit scheinen hier im Strudel des » present moments « schon wieder ganz weit weg. Ich bin dankbar fuer einen sehr tollen Abschied, ein super Wochenende, eine sehr nette Gesellschaft und dafuer, dass mit der Kanufahrt sogar der letzte fuer Kanada angetretene Wunsch in Erfuellung gegangen ist.

Ich hab in Vancouver mit den `Homeless – Dudes`den `Rolling Stone`besungen, bin in der Sonne des Kitsilano Beach`aufgewacht, hatte in Matt einen treuen und baerenkundigen Begleiter mit dem ich sowohl durch den Yoho als auch durch den Glacier Nt. Park geklettert bin, hab auf dem Icefields Parkway die Rocky Mountains durchquert und bin in neue Dimensionen gefahren, hatte auf dem Weg zum Lake Maligne einen Grizzly 10 Meter vor meinem Vorderrad, durfte im » Canadian « First – Class – Sekt trinken, wurde in Toronto zweistimmig empfangen und eingeladen, hatte in den Niagara Falls eine Gratisdusche und anschliessend ein Rackoonschwanz im Gesicht, bin dem St. Lawrence River ueber 1000 km gefolgt, … hab im Parc Mont Royale mein Essen gegen ein Rackoon verteidigt, hatte in Louisville die Tiefpunktnacht und keine Heringe mehr, hab mich in Québec City selbst betrommelt und betanzt, hab mir in Wendake einen indianischen Namen abgeholt und in Félix einen Freund gewonnen, hab in St. Gervais mit Ziegenshampoo geduscht, hab auf den Felsen von St. Simon den Sonnenuntergang gefeiert und in Rimouskiii mit Claudio und Anina auf dem Jazzfestival zu dicken Beats getanzt, anschliessend mit den zwei 80 km nach St. Anne des Monts geradelt ohne es zu merken, hab im Jacouzzi des „Sea Shack`s kafeetrinkend eine Rueckenmassage bekommen und einen neuen Geschmack entdeckt, hab in St. Mont – Pierre statt einen Fisch zu fangen meinen Blinker verloren, hab im Parc du Bic mit „Jaqueline Wolfskin“ Robben beobachtet, hab mir in der Nord – Ost – Gaspésie das `BC-Feeling`zurueckerobert und die Appalachen zermalmt, mit Caro den dreistesten Wildcampingplatz vorm Rocher Percé geteilt und mit Lorenzo Genie und Wahnsinn kennengelernt, im schottischen Wohnwagen eine Einladung begrüßt und waehrend eines Hurricanes selbst in einem naechtigen duerfen, hab tagelang gegen den gaspesichen Gegenwind gekaempft und mir so das harterkaempfteste Feierabendbier verdient, durfte umsonst in einem Tipi schlafen und hatte hier spirituellen Kontakt oder eine polyphone Party, bin umsonst im Liegebett von VIA gerollt, hab in Québec City Ultimate Frisbee auf den Plaines d`Abraham gespielt, einem stolzen Québecois meinen Indianer im Herzen gezeigt und mit Marie eine Woche ihre Wohnung geteilt und last but not least, hab ich im Chalet in sehr netter Gesellschaft stolze Québec-Songs mitgebrummt, einen Beatboxteppich gebastelt und ein letztes Mal den kanadischen Traum gelebt.

Wow, und dennoch ist doch noch so vieles mehr, das ich auch dank der Fotos und dem Logbuch nicht vergessen werde. Ich bedanke mich herzlichst bei all denen, die mir das alles von Zuhause aus und hier in Canada auf irgend eine Art und Weise ermoeglicht haben, mich aufgenommen, unterstuetzt oder zwischendurch aufgepepellt und vollgetankt haben. Jedes Gespraech hat mich neu motiviert, jede Dusche den Dreck vom Vortag weggewischt, jede/r Radler/in hat mir die Motivation zurueck in die Muskeln gepumpt und mir immer wieder gezeigt, dass das Radfahren doch der richtige Weg ist um Land und Leute kennen zu lernen. Denn nur so hat der Kopf Zeit zum Fliegen waehrend die Beine treten, der eigene Motor rollt. Nur so bist du weder zu schnell um Umgebung und Umwelt wahrzunehmen noch zu langsam um den eigenen Schatten immer vor dir zu haben. Nur so koennen Koerper und Geist gleichzeitig entgiften, geniessen und stolz sein!

Danke an meine Eltern, meine Omas, Jul, Niko, alle Blogleser, eure Rueckpaesse und natuerlich all diejenigen, die ich auf meiner Tour kennengelernt habe. Ein Spezialdank geht an Joe,weil er dieses Logbuch in (ein fuer meine Begriffe) astreines Englisch uebersetzt.

Chapeau! I take my hat off to all of you!

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P.S: Auf dem Weg zum Flughafen radle ich heute zum letzten Mal mit 60 kg Gepaeck. Noch einmal Reifen aufpumpen, zur allerletzten Etappe hab ich mir Unterstuetzung geholt: 200 ml Sekt, Henkell trocken. Keine Attacken, kein Gegenwind, kein Regen – nur noch ein letzes Foto mit Sektglas in der Hand! Santé.